Bushido, Samurai etc.
Part II

Japanische Kultur in der Genroku-Zeit

Japanische Kultur um 1700

In der Einleitung zu seiner Übersetzung ins Englische des berühmten Stückes „Chushingura“ (忠臣蔵, auch bekannt als "Die Rache der 47 Ronin") beschreibt der Übersetzer Jukichi Inoue die gesellschaftliche Situation in Japan um 1700. Er wendet sich dabei speziell an die westlichen Leser.
Wir erfahren so, wie ein japanischer Autor im Jahr 1910 die ältere und jüngere Vergangenheit seines Landes sieht.

2 Die Situation zur Zeit der Ako Vendetta

Jukichi Inoue schreibt:

Trotz der sprachlichen Schwierigkeiten [siehe Part I] wurde der Versuch unternommen, Handlung und Geist des Chushingura in der vorliegenden Übersetzung wiederzugeben. Für das vollständige Verständnis des Stücks und seines Motivs sollte der Leser jedoch über gewisse Kenntnisse der gesellschaftlichen Verhältnisse, Sitten und Gebräuche der damaligen Zeit verfügen.
Die Fehde der Gefolgsleute Akos, die den Gegenstand des Stücks bildet, ereignete sich Anfang 1703; das Stück selbst wurde 45 Jahre später, 1748, uraufgeführt. Es war ein Werk aus der Blütezeit der Tokugawa-Literatur. In den gut anderthalb Jahrhunderten seither hat die Gesellschaft bemerkenswerte Veränderungen durchgemacht.

Der Frieden, der unter dem Tokugawa-Shogunat zweieinhalb Jahrhunderte lang geherrscht hatte, wurde durch den Kanonendonner vor der Küste Uragas jäh beendet [amerikanische Kanonenboote]; und bald darauf, mit der Restauration der kaiserlichen Autorität, begann das Land, die Zivilisation des Westens einzuführen.
Unsere Kriege mit China und Russland haben die gesamte Gesellschaft stark beeinflusst, und unsere Sitten und Gebräuche haben sich deutlich gewandelt.
Heutzutage [1910] ist es schwer, sich ein klares Bild vom Zustand der Gesellschaft unter der Feudalherrschaft zu machen. Kaum jemand der Eisenbahnpassagiere, die heute mit dem Nachtexpress von Shimbashi nach Kobe reisen und dort am nächsten Morgen aufwachen, haben eine genaue Vorstellung von den Prozessionen der Daimyo, die einst von Kulis über den Fluss Oi getragen wurde, den sie im Schlaf passieren.
Aus den Poststationen sind Bahnhöfe geworden, und die Expressläufer wurden durch den Telegrafen ersetzt. Und wir können uns kaum vorstellen, wie wenig das Leben in alten Zeiten wert war, als Gefolgsleute, die ihrem Herrn und seinen Vätern treu gedient hatten, für ihren Herrn ihr Leben und ihren Familienbesitz opfern mussten. Wir können kaum Mitgefühl für jene Liebenden empfinden, die, indem sie ihr Leben selbst in die Hand nahmen, zum Gegenstand von Liedern über ihren Selbstmord wurden.
Wenn selbst wir Japaner heutzutage so vieles nicht mehr verstehen, was vor zwei Jahrhunderten zu Zeiten unserer Vorfahren selbstverständlich war, ist es nur verständlich, dass das alte Japan den westlichen Völkern, deren Sitten, Gebräuche und Lebensweisen sich grundlegend von unseren unterscheiden, nahezu unverständlich erscheint. Daher erscheint es mir angebracht, hier einige Anmerkungen zu den damaligen Verhältnissen, Sitten und der Denkweise der Gesellschaft zu machen.

3 Das Tokugawa Shogunat

Zunächst müssen wir einen Blick auf die Zeit des Tokugawa-Shogunats werfen. Diese Periode dauerte 264 Jahre, von der Ernennung Tokugawa Ieyasus zum Shogun im Jahr 1603 bis zur Abdankung Tokugawa Yoshinobus gegenüber dem Kaiser im Jahr 1867.
Gegen Ende des Ashikaga-Shogunats (1338–1573) war das Land in Parteien gespalten und befand sich im Bürgerkrieg. Doch der grosse Held Toyotomi Hideyoshi, besser bekannt als der Taiko, verschaffte dem Land eine kurze Atempause vom Krieg. Die Vorherrschaft seines Hauses währte jedoch nur zwei Generationen. Nach der Niederlage seines Sohnes gegen Ieyasu im Jahr 1600 bei Sekigahara fiel die uneingeschränkte Macht an Ieyasu, und die Osaka-Feldzüge in den Jahren 1614 und 1615 beendeten die Toyotomi-Dynastie. Das Land unterwarf sich nun Ieyasus Autorität, und sein Haus herrschte über zweieinhalb Jahrhunderte lang.

4 Der kaiserliche Hof

Die Gesellschaft während der Tokugawa-Zeit kann im Allgemeinen in vier Klassen eingeteilt werden: die Kuge [die Hofadligen], die Samurai, das einfache Volk und die unterste Klasse.
Der Kaiser regierte in Kyoto. Um ihn herum befanden sich die kaiserlichen Prinzen, von denen einige berechtigt waren, im Falle eines Scheiterns der kaiserlichen Nachfolge den Thron zu besteigen. Die Zahl der Kuge oder Hofadligen betrug etwa einhundertdreissig; ihre Titel und Ämter waren erblich. Sie waren extrem bedacht auf ihre gesellschaftliche Stellung. Sie besuchten täglich den kaiserlichen Hof. Ihre Aufgaben betrafen jedoch hauptsächlich die Gewährung und Aberkennung des Hofrangs, verschiedene Zeremonien und die Hofetikette.

Die Verwaltungsangelegenheiten lagen vollständig in den Händen der Feudalregierung [Shogunat]. Alle Geschäfte zwischen dieser und dem kaiserlichen Hof wurden von einigen wenigen hohen Beamten abgewickelt. Auch die politische Autorität über die gesamte Nation lag bei der Feudalregierung.
Die Feudalregierung wurde erstmals gegen Ende des 12. Jahrhunderts von Minamoto no Yoritomo eingeführt. Zunächst bestand nicht die Absicht, den kaiserlichen Hof in der Staatsführung zu ersetzen. Doch aus verschiedenen Gründen fiel die politische und militärische Macht in die Hände des Shogun. Der Kaiser wachte lediglich über die heiligen Schätze seines Hauses und delegierte die politische Macht an die Feudalregierung.
Während der Bürgerkriege verschlechterte sich die Lage des kaiserlichen Hofes erheblich. Ota und Toyotomi Hideyoshi, die dem Thron treu blieben, übergaben dem Hof Landbesitz, nachdem sie dem Land Frieden gebracht hatten. Tokugawa baute viele kaiserliche Paläste und stellte Gelder für Haushaltsausgaben bereit. Der Pomp des Kaiserhauses wurde stark reduziert. Die Tokugawa-Familie strebte nach der Macht über die gesamte Nation.
Im Jahr 1614 erliess Ieyasu Vorschriften zur Kontrolle der Kuge. Dadurch wurde zwar die tatsächliche Macht des Kaiserhauses geschwächt, der Grundsatz der Loyalität gegenüber dem Thron und die Unterscheidung zwischen Herrscher und Untertan blieb allerdings strikt gewahrt. Tokugawa gab der Nation durch seinen ehrfürchtigen Umgang mit der Kaiserfamilie ein Beispiel. Diese Haltung gegenüber dem Thron diente einerseits den Interessen von Ieyasu. Sie war aber auch Ausdruck der angeborenen Loyalität und des Patriotismus des Volkes. Somit blieb die Würde der kaiserlichen Familie unangetastet.

5 Die Samurai

Die Samurai unterstanden der Feudalregierung. Jene, deren jährliches Gehalt mindestens zehntausend Koku Reis betrug, wurden Daimyō genannt, die ihnen Untergebenen Hatamoto und die niedrigste Klasse Kenin.
Die Daimyō liessen sich in drei Klassen einteilen: Provinzherren, Burgherren und Herren von Gebieten ohne Burg. Sie herrschten jeweils über ihre Gebiete.
Asano Takumi-no-Kami, dessen Rache im Chushingura thematisiert wird, war der Herr der Burg Ako in der Provinz Harima; sein Jahreseinkommen betrug 50.000 Koku; er gehörte zur zweiten Klasse der Daimyō.
Die Daimyō mussten jährlich für einen kurzen Aufenthalt nach Edo kommen; einige ihrer Gefolgsleute blieben dauerhaft in Edo, während andere ihre Herren auf ihren Reisen zur und von der Stadt des Shogun begleiteten. Die Samurai, die ihre Clans verliessen und umherzogen oder aus irgendeinem Grund ihre Bezüge verloren, wurden als Ronin bezeichnet.

6 Das einfache Volk

Mit dem einfachen Volk sind die Kaufleute und Bauern gemeint. Ihnen war es nicht erlaubt, Schwerter zu tragen oder Familiennamen zu führen. Sie waren nur unter ihren persönlichen Namen [Vornamen] bekannt. So wurden Kaufleute und Handwerker nach ihrem Gewerbe und Bauern nach ihren Dörfern benannt.
Im Kontrast zu den bereits erwähnten Kuge bildeten die Samurai und das einfache Volk die unteren Gesellschaftsschichten. Die Zugehörigkeit zu einer höheren Gesellschaftsklasse bedeutete allerdings nicht automatisch materiell bessere Lebensumstände. Im Allgemeinen waren die Kuge arm und die Daimyo wohlhabend. Bei den Samurai galt Reichtum als Verstoss gegen die Prinzipien des Bushido. Während sie stolz darauf waren, nicht mehr als einen Hut als Schutz vor Wind und Regen zu besitzen, strebten nur wenige nach Reichtum. Später, mit dem Schwinden des Samurai-Geistes, gab es dann viele, die nach Reichtum strebten.
Die Reichsten fanden sich unter dem einfachen Volk, denn da ihnen die Rechte und Privilegien der Samurai verwehrt blieben, konzentrierten sie all ihre Energie auf das Geldverdienen. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass viele Angehörige der unteren Klassen in bitterer Armut lebten.

... Fortsetzung folgt.