Die Vier Grundprinzipien
Im April 2025 veröffentlichte Koretoshi Maruyama Sensei - ehemals Chefinstrukor der Ki no Kenkyukai und später Gründer der Aikido Yuishinkai - einen Beitrag auf Facebook. Dieser spannt den Bogen von „Chūshingura“ ("Die Rache der 47 Ronin") - das Thema der sechs vorherigen Blogbeiträge - zu den "Vier Grundprinzipien" von Koichi Tohei Sensei und weiter.
Die deutsche Übersetzung basiert auf dem japanischen Originaltext. Eigene Anmerkungen sind in Klammern gesetzt.
Koretoshi Maruyama Sensei schreibt:

正しく生きるために
Auf "richtige" Weise leben
Präsident der Aikido Yuishinkai, Koretoshi Maruyama
Mit „richtig (正しく ただしく)“ in der Überschrift meint „Gerechtigkeit (正義 せいぎ)“.
Ein oft zitiertes Sprichwort lautet: „Sobald ein Mensch von Gerechtigkeit spricht, schafft er sich Feinde.“ Das trifft tatsächlich zu: Auch im aktuellen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine behauptet jede Seite, dass ihre eigene Position „gerecht“ sei.
Zudem ändert sich der Begriff der „Gerechtigkeit“ je nach Epoche. Ein gutes Beispiel dafür ist „Chūshingura“, das wohl jedem Japaner bekannt ist. Es handelt sich um die Geschichte der 47 Ronin von Ako unter der Führung von Oishi Kuranosuke, die den Mörder ihres Herrn töteten. In der Edo-Zeit war dies eine hochgelobte Geschichte der Gerechtigkeit. Doch wenn heute in einem Unternehmen der Geschäftsführer auf grausame Weise ermordet würde und daraufhin 47 Mitarbeiter mitten in der Nacht in das Haus des Täters eindringen und ihm den Kopf abschlagen würden, würde wohl niemand dies als „Gerechtigkeit“ bezeichnen.
In voller Kenntnis dieser Tatsache habe ich es gewagt, den Begriff „richtig“ zu verwenden.
Das liegt daran, dass das heutige Japan unter dem Deckmantel des „Liberalismus“ viel zu sehr aufs „Eigeninteresse“ fixiert ist. Mit anderen Worten: Die meisten Menschen mögen wohl der Aussage zustimmen: „Solange man nicht gegen das Gesetz verstösst, ist es die Freiheit des Einzelnen, sich so zu verhalten und auszudrücken, wie er/sie es selbst für richtig hält.“
[Es folgen zwei Beispiele aus jüngster Zeit für unsoziales Verhalten im öffentlichen Leben] Sicherlich verstösst ein solches Verhalten nicht gegen das Gesetz. Aber, akzeptieren Sie solche Verhaltensweisen als Ausdruck von Freiheit?
Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde den Japanern von Kindheit an von ihren Eltern beigebracht: „Werde ein Mensch, der zum Wohle der Welt und zum Wohl der Anderen arbeitet“ und „Du sollst anderen keine Unannehmlichkeiten bereiten“.
Heutzutage lautet die Einstellung eher: „Für andere? Das ist wohl ein Witz. Ich arbeite für mich selbst, für Geld. Anderen Unannehmlichkeiten bereiten? Das ist doch ein Witz. Ich nutze andere als Sprungbrett, um selbst nach oben zu kommen.“
Ich vermute, dass viele Menschen nach diesen Worten handeln.
An dieser Stelle erlaube ich mir, für ein „richtiges“ Leben zu plädieren. Wer damit nicht einverstanden ist, möge bitte nicht weiterlesen.
„Zum Wohle der Welt und für die Anderen“ und um „Anderen keine Unannehmlichkeiten bereiten“, um ein Japaner zu werden, der nach dem Prinzip des Gemeinwohls lebt, gibt es die „vier Grundprinzipien für ein rechtschaffenes Leben“
Die vier Grundprinzipien für ein richtiges Leben
1. Den Geist (心, kokoro, SHIN) im Tanden unterhalb des Bauchnabels zur Ruhe bringen
2. Die Kraft vollständig aus dem ganzen Körper entfernen
3. Das Gewicht aller Körperteile auf die unterste Stelle verlagern
4. Ki ausstrahlen
Ich vermute, dass es Mitglieder der ehemaligen „Ki no Kenkyukai“ – der heutigen „Shin-Shin-Toitsu-Aikido-Kai“ – gibt, die beim Lesen dieser Zeilen den Kopf schütteln und sich fragen: „Moment mal, was ist das?“ Ja, es stimmt. Auch wenn die Formulierung etwas abgewandelt ist, ähneln diese Grundsätze stark den vier Grundprizipien, die Tohei Koichi Sensei, der Gründer der Shin-Shin-Toitsu-Aikido-Kai, aufgestellt hat.
Offen gesagt: Die vier Grundprinzipien der „Ki no Kenkyukai“ entstanden im Jahr Shōwa 48 [1973], als Tohei Koichi Sensei die „Aikikai“ verliess und die „Ki-Forschungsgesellschaft“ gründete. In jenem Jahr erhielten wir eine Einladung von einem Aikidō-Meister namens S. aus der Region Tōhoku, und diese Prinzipien wurden im Nachtzug entwickelt, als Sensei und ich dorthin unterwegs waren.
Damals war die „Nishi-Gesundheitsmethode (西式健康法, nishishiki kenkōhō)“ sehr in Mode, und auch Sensei hatte sich [bereits] im Jahr Shōwa 27 [1952] auf Einladung der „Hawaii Nishi-Gesellschaft (ハワイ西会, hawai nishikai)“ in Hawaii aufgehalten. Die Nishi-Gesellschaft hatte die „Sechs Grundprinzipien der Nishi-Gesundheitsmethode“ formuliert, die auch Ueshiba Morihei Sensei übernommen hatte.
Daher kam in der „Ki-Forschungsgesellschaft“ der Vorschlag auf, „vier Grundprinzipien“ zu formulieren. Ohne auch nur ein Auge zuzumachen, diskutierten Tohei Sensei und ich im Nachtzug verschiedene Formulierungen: „Wie wäre es damit?“, „Nein, Sensei, würde diese Formulierung nicht besser passen?“ und so weiter, bis schliesslich die „Vier Grundprinzipien der Vereinigung von Körper und Geist“ fertig formuliert waren.
Daher sind diese Prinzipien gewissermassen ein Gemeinschaftswerk von Tohei Koichi Sensei und mir. Selbst wenn ich den Wortlaut etwas abändern und es als „Die vier Grundprinzipien für ein rechtschaffenes Leben der Mitglieder des Aikido Yuishinkai“ bezeichnen würde, würde Tohei Koichi Sensei im Jenseits wohl lächelnd darüber hinwegsehen.
Wenn man seinen Geist im Tanden unterhalb des Bauchnabels zur Ruhe bringt und von dort aus denkt und handelt, wird einem von selbst klar, was der Leitspruch „zum Wohle der Welt und der anderen Menschen“ bedeutet und wie man „anderen keine Unannehmlichkeiten bereitet“.
Ich werde dieses Jahr (2025) 89 Jahre alt. Doch wenn in einem überfüllten Zug ein älterer Mensch mit einem Gehstock einsteigt, biete ich ihm stets meinen Platz an. Das tue ich „zum Wohle der Welt und der Menschen“. Wenn alle statt nach liberalen Prinzipien auf der Grundlage des Prinzips des gemeinsamen Wohlergehens und des Zusammenlebens handeln, wird wahrer Frieden einkehren.
„Harmonie ist ein sehr hoher Wert“ – das sind schon die Worte des Prinzen Shōtoku (聖徳太子, Shōtoku-taishi, 574-622).

Nishi-shiki Kenkōhō
Nishi-shiki Kenkōhō (西式健康法) wurde von Nishi Katsuzō (西 勝造, 1884–1959) ausgearbeitet und im Jahr 1927 veröffentlicht.
Sechs Gesundheitsregeln
1. Schlafe auf einer harten, geraden Unterlage – keine Matratze
2. Verwende ein hartes, halbrundes Kissen, das unter den Hals gelegt wird
3. Die Übung "Goldener Fisch" morgens und abends je 1–2 Minuten ausführen: auf dem Rücken liegend, beide Hände unter dem Hals kreuzen und mit dem ganzen Körper der Länge nach vibrieren wie ein Fisch, der sich im Wasser schlängelt
4. Die "Übung für die Kapillaren" ebenfalls morgens und abends: auf dem Rücken liegend die Arme und Beine anheben und schütteln
5. Die Übung "Zusammenlegen von Händen und Füssen"
6. Die Übung für Wirbelsäule und Bauch: aufrecht sitzen und den Oberkörper weit nach links und rechts zur Seite neigen
Weitere wichtige Gesundheitsregeln sind: Atemübungen, Abhärtung durch Luft- und Wasserbäder (warm/kalt), nur zwei Mahlzeiten täglich: mittags und abends, mindestens drei verschiedene Gemüsesorten täglich roh essen, Wasser trinken.
Katsuzō Nishi war auch Aikido-Lehrer im Aikikai Hombu Dojo. So lernten viele Aikidoka das Nishi-Gesundheitssystem kennen. Dies führte zur Integration einer Reihe von Übungen ins Aikido.