Bushido, Samurai etc.
Part VI

Japanische Kultur in der Genroku-Zeit

Japanische Kultur um 1700

In der Einleitung zu seiner Übersetzung ins Englische des berühmten Stückes „Chushingura“ (忠臣蔵, auch bekannt als "Die Rache der 47 Ronin") beschreibt der Übersetzer Jukichi Inoue die gesellschaftliche Situation in Japan um 1700. Er wendet sich dabei speziell an die westlichen Leser.
Wir erfahren so, wie ein japanischer Autor im Jahr 1910 die ältere und jüngere Vergangenheit seines Landes sieht.

12 Die Genroku Zeit

Jukichi Inoue schreibt:

Etwa achtzig Jahre nach der Gründung des Tokugawa-Shogunats begann die Genroku-Zeit. Der damalige Shogun war der vierte aus der Linie Ieyasus. Im Inland wurde kein Aufstand befürchtet, und es bestand kaum Gefahr, dass die Isolation des Landes durch eine ausländische Invasion gestört würde, da Ausländern – mit Ausnahme der Niederländer und Chinesen, deren Handel auf Nagasaki beschränkt war – der Handel in Japan verboten war. Kurz gesagt, das Land genoss in der Genroku-Zeit, die sich über rund fünfzig Jahre erstreckte, absoluten Frieden und erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung. Es war eine bedeutende Epoche für die Geschichte der japanischen Sitten, Institutionen und Literatur.

Genroku

Die ersten Jahre des Tokugawa-Regimes waren von turbulentem Militarismus geprägt, die letzten Jahre von Trägheit und Unmoral. In der Genroku-Zeit war der raue, militaristische Geist zwar fast verschwunden, doch das Volk war noch nicht der Schwäche und Verweichlichung verfallen. Luxus und Prunk hatten zwar Einzug gehalten, aber der tapfere Kampfgeist war noch nicht erloschen. Wie die Heian-Zeit des 9. und 10. Jahrhunderts markierte sie einen Höhepunkt der japanischen Zivilisation. Da das dunkle Zeitalter der Stammeskriege zwischen diesen beiden Perioden lag, war es in der Tat unser Zeitalter der Renaissance.
Während dieser Zeit erreichte Bushido, trotz einiger damit verbundener Schattenseiten, seinen Höhepunkt. Dieser besondere japanische Geist war in früheren Zeiten von den Lehren des Buddhismus beeinflusst worden. Doch unter dem Einfluss des Konfuzianismus, als die Tokugawa-Dynastie an die Macht kam, entwickelte er sich zu einem Kult in seiner vollen Ausprägung und nahm unter der Herrschaft der Tokugawa seine endgültige Form an.
Aber Bushido war, wie alle anderen Erscheinungen, im Laufe der Zeit dem Wandel unterworfen. Unter Shogun Ietsuna (1650–1680), dem vierten der Tokugawa-Dynastie, begann der alte, robuste Militärgeist in Edo zu schwinden. Unter seinem Nachfolger Tsunayoshi (1680–1709) brach die Genroku-Zeit mit ihrer Vorliebe für Luxus, Prunk und Unmoral an. Die Folge war, dass der Bushido, der unter den Kriegern der Ostprovinzen seinen Höhepunkt erreicht hatte, Edo, das Zentrum dieser Provinzen, verliess und sich aufs Land verlagerte, wo er unter den einfachen Samurai der Daimiate erhalten blieb. Die Ako-Vendetta ist ein eindrucksvolles Beispiel für seinen Einfluss auf die Landsamurai.
Die Sittenveränderungen unter dem Tokugawa-Shogunat breiteten sich in der Regel von Edo in die Provinzen aus. Doch in den frühen Jahren dieses Shogunats war Edo noch nicht das Zentrum der japanischen Zivilisation. Denn obwohl es in den Militärkünsten führend war, blieb es in Literatur, Kunst und anderen Bereichen hinter Kyoto und Osaka zurück, die als Städte weitaus älter waren.
Die östlichen Provinzen passten ihre Sitten an jene dieser beiden westlichen Städte an. Doch die Sitten und Gebräuche der letztgenannten Städte standen damals im krassen Gegensatz zu denen von Edo. Sie waren frivol und elegant bis hin zur Verweichlichung. Kyoto war seit seiner Ernennung zur Hauptstadt im Jahr 794 das Zentrum der japanischen Zivilisation gewesen. Osaka, das seit jeher ein wichtiger Hafen für Schiffe war, die zu den westlichen Provinzen segelten, war unter Hideyoshi dem Taiko (1536–1597) besonders wohlhabend geworden. Die Bewohner Kyotos und Osakas liessen sich weniger von Ehrgefühl leiten, sondern vielmehr vom Streben nach Reichtum. Im Laufe des zivilisatorischen Fortschritts verfielen sie naturgemäss immer mehr der Prunksucht.
Die Charakteristika der Genroku-Zeit spiegelten sich damals in den Sitten und Gebräuchen Kyotos und Osakas wider. Obwohl Edo in dieser Zeit als politisches Zentrum des Landes fest etabliert war, musste es Literatur und Gebräuche aus Kyoto und Osaka übernehmen und sich entsprechend anpassen.
Der wahre Geist und die Sitten Edos entwickelten sich erst ein Jahrhundert später, zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

13 Die Klasse der Kaufleute

Im Zentrum der Literatur und der Sitten in Kyoto und Osaka standen die Kaufleute. Die Kaufleute, die bis ein oder zwei Generationen zuvor unter den Standesunterschieden gelitten hatten, konnten in der langen Friedenszeit mit dem steigenden Lebensstandard Reichtum und einen verschwenderischen Lebensstil erlangen. Viele von ihnen verdienten durch Bau- und öffentliche Projekte ein Vermögen.In Osaka gehörte die Welt den Kaufleuten; und der Samurai, so hoch er sich auch erhob, musste sich in der tatsächlichen Macht dem einfachen Volk beugen.
Da es unter den Kaufleuten viele wohlhabende Männer gab, die freigiebig Geld ausgaben, waren sie die besten Gäste in Theatern und Vergnügungsvierteln. Auch die Samurai begannen mit der Zeit, die Popularität der Kaufleute zu beneiden und schliesslich deren Lebensstil nachzuahmen. Die Art und Weise, wie Yuranosuke im siebten Akt des Chushingura als Lebemann dargestellt wird, mag zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass die Autoren allesamt der Kaufmannsklasse angehörten. Sie dient aber auch dazu, das allgemeine Verhalten von Samurai in Vergnügungsvierteln zu veranschaulichen.

14 Die Vergnügungsviertel

Doch ein Kaufmann konnte nur Kaufmann sein und bleiben. Die strengen sozialen Unterschiede liessen sich ebenso wenig aufheben wie der erbliche Charakter der Familienberufe.
Und der einzige Ort, an dem Kaufleute ohne Furcht vor den Samurai und ohne Standesunterschiede verschwenderisch leben konnten, waren die Vergnügungsviertel. Die damalige Einstellung der Menschen zu diesen Vierteln unterschied sich von der heutigen. Liebe zwischen den Geschlechtern wurde von der damaligen Morallehre verurteilt. Es war undenkbar, dass Männer und Frauen aus freiem Willen Liebe austauschen könnten. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer überliessen die Regelung ihrer Eheschliessungen in der Regel vollständig ihren Eltern.
Wenn Mann und Frau zusammenlebten, erschienen sie der Welt, so sehr sie einander auch lieben mochten, ein wenig wie Herr und Diener.
Einige Stücke von Chikamatsu Monzaemon zeigen Männer und Frauen, die von allen Fesseln befreit sind und sich ungezügelter Liebe hingeben. Diese Stücke gewannen die Bewunderung und das Mitgefühl der Welt, weil sie von ihrem grossen Autor mit besonderem Geschick geschrieben wurden. Ansonsten galten solche Charaktere in der damaligen Zeit als unmoralisch und liederlich. Man bemitleidete sie zwar für ihr Leid, verurteilte aber gleichzeitig ihren Mangel an Keuschheit.


 

Die Geschichte der 47 Rōnin kurz zusammengefasst

 

Der Auslöser

1701 sollten zwei Daimyō am Hof des Shōgun in Edo eine Empfangszeremonie vorbereiten.
Die beiden, Kamei Korechika und Asano Naganori, wurden vom Zeremonienmeister Kira eingewiesen. Kira war mit den beiden sehr unzufrieden, angeblich weil er nicht genügend Bestechungsgeld von ihnen erhalten hatte.
Das Ganze gipfelte darin, dass der Zeremonienmeister den Daimyō Asano einen Dorfdeppen nannte und von diesem mit einem Dolch angegriffen wurde. Kira wurde im Gesicht leicht verletzt, Asano von den Sicherheitsleuten unter Kontrolle gebracht.
Asano musste Seppuku begehen. Sein Lehen Akō im westlichen Honshu fiel an den Shōgun und seine ca. 300 Gefolgsleute wurden Rōnin.
47 dieser Rōnin planten eine Vendetta, obwohl sie für diesen Fall verboten war. Sie tauchten in den Untergrund ab, legten falsche Spuren und bereiteten die Rache vor.


Blick auf die Gräber im Sengaku-ji
2 Chome-11-1 Takanawa, Minato City, Tokyo 108-0074, Japan

Die Vendetta

Im Jahre 1703 griffen die Rōnin das Haus von Kira an, fanden ihn schliesslich in seinem Versteck und töteten ihn. Sie brachten seinen Kopf zum Grab ihres Herrn im Sengaku-ji-Tempel.
46 Rōnin wurden vom Shōgun zum Tode verurteilt und durften Seppuku begehen. Der 47. Rōnin war nach dem Kampf zur Berichterstattung nach Akō geschickt worden. Er wurde vom Shōgun, angeblich wegen seines jugendlichen Alters, begnadigt. Er erreichte ein Alter von 78 Jahren und wurde dann neben seinen Kameraden im Sengaku-ji beigesetzt.
Diese Vorgänge werden einerseits als reiner Akt von Ehre und Loyalität gewertet. Sie hatten aber auch konkrete Gründe, die die Wiederherstellung des Fürstentums von Asano betrafen. Mit dem Tod des Herrn waren hunderte Samurai arbeitslos geworden und es war ihnen meistenteils nicht möglich, eine neue Anstellung zu finden, da sie aus einem entehrten Haus stammten. Viele mussten sich als Feldarbeiter und Tagelöhner durchschlagen. Rache und Seppuku der 47 Rōnin reinigten den Namen des Hauses und viele der arbeitslosen Samurai fanden kurze Zeit nach dem ehrenvollen Todesurteil wieder eine ehrenvolle Anstellung.
Der jüngere Bruder und Erbe von Asano Naganori wurde vom Tokugawa-Shōgunat erneut mit dem Fürstentum belehnt, wenn auch nur mit einem Zehntel des ehemals recht grossen Territoriums.