Bushido, Samurai etc.
Part V

Japanische Kultur in der Genroku-Zeit

Japanische Kultur um 1700

In der Einleitung zu seiner Übersetzung ins Englische des berühmten Stückes „Chushingura“ (忠臣蔵, auch bekannt als "Die Rache der 47 Ronin") beschreibt der Übersetzer Jukichi Inoue die gesellschaftliche Situation in Japan um 1700. Er wendet sich dabei speziell an die westlichen Leser.
Wir erfahren so, wie ein japanischer Autor im Jahr 1910 die ältere und jüngere Vergangenheit seines Landes sieht.

10 Frühe Jahre der Tokugawa Zeit

Jukichi Inoue schreibt:

In den frühen Jahren der Tokugawa-Zeit bewahrten die Samurai noch immer die rauen und gewalttätigen Sitten der Bürgerkriegszeit. Sie verachteten Sanftmut, die sie den verweichlichten Einwohnern Kyotos zuschrieben, und luxuriöses Leben, das sie der Kaufmannschaft vorbehalten sahen. Gleichzeitig übten sie sich in Kriegskunst und förderten ihren Kampfgeist.
Die Unruhen jener Zeit waren so gross, dass selbst Kaufleute Schwerter trugen, wenn sie durch die Strassen gingen. Sie brauchten sie auch, denn unschuldige Männer wurden nachts auf offener Strasse niedergemetzelt, um die Schärfe der Schwerter zu prüfen. Diener, die Diebstahl begangen hatten, ihren Herrn auf seinem Heimweg zu Pferd nicht begleitet hatten oder mit weiblichen Dienerinnen durchgebrannt waren, wurden nach dem Willen ihres Herrn bestraft, der die Schärfe eines neuen Schwertes an ihrem Hals testete. Die Feudalregierung erliess regelmässig Gesetze, um diesen Gewalttaten ein Ende zu setzen.

11 Die Otokodate

Diese weit verbreitete, ausgeprägte Kampfmoral brachte eine besondere Klasse von Männern hervor, die unter vielen Namen bekannt waren, von denen der gebräuchlichste Otokodate war (男伊達, Männer mit Edelmut, Dandies). [The Otokodate or "Street Knights" were the coolest and most dangerous men in ancient Japan.] Zu Beginn der Tokugawa-Herrschaft herrschten in allen Gesellschaftsschichten raue Sitten und ein ungestümer Geist vor. Besonders galt das für die Hatamoto, die unmittelbaren Vasallen des Shogun. Sie waren Samurai aus Mikawa, der Heimatprovinz Tokugawa Ieyasus, und bewahrten die einfachen Sitten und den unerschrockenen Geist ihrer Heimat. Sie waren stolz darauf, dass sie, so gering ihre Bezüge auch waren, unter dem direkten Befehl des Shogun standen. In ihrem Stolz beherrschten sie die Strassen von Edo. Unter den Kaufleuten gab es einige, die über die Arroganz der Samurai und deren verächtliche Behandlung der Kaufleute und Bauern empört waren. Auch sie bildeten sich in Kriegskunst weiter und widersetzten sich der Tyrannei des Militärs. Sie bildeten eine eigene Klasse unter dem Namen Otokodate.

Lebensweise der Otokodate

Diese Otokodate lebten hauptsächlich vom Glücksspiel. Sie schlichteten oder vermittelten in Streitigkeiten anderer und verbrachten einen Grossteil ihres Lebens in Vergnügungsvierteln. Doch ihr Ideal stand nicht im Widerspruch zu den Prinzipien des Bushido. Sie halfen gern den Schwachen und unterdrückten die Starken und hielten ihr Wort mit grösster Sorgfalt. Wenn ein Fremder sie respektvoll um Hilfe bat, halfen sie ihm selbst unter Lebensgefahr. Sie weigerten sich, sich von anderen in irgendetwas schlagen zu lassen. Ein beleidigendes Wort genügte, um das Schwert zu ziehen, und der geringste Groll wurde gerächt. Sie hassten es, für Gewinn zu arbeiten, und hielten es für unwürdig, Geld zu zählen. Sie gingen in Gaststätten und assen sich satt. Wenn sie kein Geld hatten, gingen sie, ohne zu bezahlen. Wurden sie zur Zahlung aufgefordert, schlugen sie zu. Wurden sie jedoch respektvoll behandelt und durften ohne zu bezahlen gehen, kamen sie mit Geld zurück und zahlten mehr als ihre Schulden.
Die Otokodate wimmelten in den frühen Jahren der Tokugawa-Zeit in ganz Edo, und ihre Streitereien richteten so viel Schaden an, dass sie in der Genroku-Ära unterdrückt wurden. Sie wurden so streng bestraft, dass ihre Zahl allmählich abnahm. Ihre Sitten verschwanden jedoch nicht gänzlich. Unter den einfachen Bürgern von Edo gab es viele, die den Samurai-Geist der ersten Tokugawa-Jahre und die Sitten der Otokodate schätzten. In dem, was man den „Edo-Geist“ nennt, lässt sich vieles erkennen, das seinen Ursprung im „Otokodate“ hat. Denn die waschechten Einheimischen von Edo zeigen bis heute dieselbe Abneigung, von anderen geschlagen zu werden, dieselbe Streitlust, dieselbe Verachtung für Geizhälse und dieselbe Unfähigkeit, den Tagesverdienst bis zum nächsten Tag zu behalten.

... Fortsetzung folgt.