Was ist Ki ?

Die ewige Frage

Ki in chinesischer Siegelschrift

Ki im Aikido

In Kalligraphien wird immer das alte Schriftzeichen für Ki 氣 dargestellt, weil es aus den Zeichen für Reis und Dampf zusammengesetzt ist. Das Zeichen 気 der neuen Rechtschreibung enthält zwar den Dampf, aber der vereinfachte Teil suggeriert "einschliessen", was nicht der Idee vom Ki entspricht.

Ueshiba Morihei sprach in seinem Unterricht wenig über Ki, für ihn war der Begriff Aiki wichtiger. Allerdings lehrte er, dass die Basis des Universums das sogenannte Ur-Ki ist, shinkū no ki (真空の気), was man als "Ki im leeren Raum" übersetzen kann. Er nannte es auch kurz shinki (真気), das heisst "wahres Ki". Seine Schüler sollten sich "mit dieser kosmischen Quelle verbinden, sich des gewöhnlichen Ki entledigen und ihre Organe vom wahren Ki durchströmen lassen". (Stevens,1993).
Tohei Koichi machte ab 1953 Aikido in Hawaii bekannt. Dabei liess er sich oft von erfahrenen und meist körperlich überlegenen Judoka oder anderen Kampfsportlern angreifen, um sie mit Aikidotechniken zu bändigen. Er erklärte seine erstaunlichen Kräfte mit Ki. Aikido lehre, den Fluss des Ki in sich selbst zu spüren und es nach aussen fliessen zu lassen. Er konnte mit Ki grosse Personen mit dem kleinen Finger wegschieben. (Black Belt, 1962).

China

Ki (chinesisch qì; koreanisch ki 기) ist ein grundlegendes Konzept in der traditionellen Philosophie, Medizin und den Kampfkünsten Ostasiens. Es gibt dazu Erklärungen von den daoistischen Klassikern bis hin zu den Neo-Konfuzianern.
Heutzutage gilt es allgemein als die grundlegende Substanz, die das Universum bildet, belebt und verändert sowie den Mikrokosmos des menschlichen Körpers, wie Herz und Geist mit dem Makrokosmos des Universums verbindet (Cheng 2002; Liu 2015; Zhang 1999).
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in China tätige Jesuitenmissionare interpretierten qì als die Luft (aer) aus der aristotelischen Naturphilosophie oder als den Atem bzw. den Geist in der galenischen Physiologie (griechisch: pneuma; lateinisch: spiritus).
Dieser Ansatz gewann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Bedeutung, da viele westliche Missionare und Gelehrte in China Qì und andere verwandte chinesische Konzepte im Sinne vitalistischer Philosophie verstanden, etwa als "Lebenskraft", "spirituelle Energie" oder "subtile Energien". Einige Gelehrte und Praktizierende der chinesischen Medizin meinen jedoch, dass die Bedeutungen von Qì mit dem Konzept der "Energie" unvereinbar seien (Cheng 2002; Wegmüller 2015).

Energie

Energie ist ein westlicher Begriff. Aristoteles (384-322 v.u.Z.) benutzte den Begriff energeia (griech. ἐνέργεια) in einem rein philosphischen Sinn mit der Bedeutung von "etwas, was etwas bewirken kann". 1807 wurde der Begriff von Thomas Young in die physikalische Mechanik eingeführt. Das Wichtigste an diesem Konzept ist, dass die Energie bei physikalischen Vorgängen stets erhalten bleibt. Sie kann weder neu entstehen noch verloren gehen, sie wird lediglich in andere Formen umgewandelt.
Im Japanischen, und wohl auch im Chinesischen, gibt es diesen Begriff nicht. Energie (エネルギー enerugii, aus dem Deutschen übernommen) bezeichnet die physikalische Energie und wird z.B. in den zusammengesetzten Begriffen für elektrische Energie, Solarenergie oder kosmische Energie benutzt.
Im westlichen Sprachgebrauch wird der Begriff Energie einerseits für die physikalische Energie benutzt wie Energieversorgung, Energiekosten usw. Andererseits gibt es auch Ausdrücke wie "heute bin ich voller Energie" oder "sie steckt ihre ganze Energie in ihre Hobbies". Auch im esoterischen Bereich wird häufig von Energien gesprochen wie "Heilungsenergie", "subtile Energien" usw. Auf jeden Fall ist der Begriff Energie im Westen, und vielleicht inzwischen auch in Ostasien, nicht nur auf den physikalischen Bereich begrenzt.

Alltäglicher Gebrauch des Wortes Ki

Ein ähnliches Szenario haben wir beim Ki in Japan. Ki wird einerseits im philosphischen Sinne benutzt und andererseits in der Alltagssprache. Hier einige Beispiele:

"Ki tun" (ki ga suru 気がする): "denken, dass ..." oder "fühlen"
"Ins Ki tun" (ki ni suru 気にする), ki ni naru (気になる): "sich kümmern, sich Sorgen machen"
"Es gibt Ki" (ki ga aru 気がある): "interessiert sein"
"Ins Ki eintreten" (ki ni iru 気に入る): "mögen"
"Ki benutzen" (ki o tsukau 気を遣う): „aufmerksam sein“
"Ki ist kurz" (ki ga mijikai 気が短い): "aufbrausend sein"
"Ki ist lang" (ki ga nagai 気が長い: "geduldig sein"
"Ki ist stark" (ki ga tsuyoi 気が強い): "mutig sein"
"kein Ki“ (ki no nai 気のない): "halbherzig sein"
"das Ki wird einem genommen" (ki ga torareta 気がとられた): "nicht bei der Sache sein"

Ki Kalligraphie von Tohei Koichi

Toheis Interpretation

Tohei war während des 2. Weltkriegs als Soldat in China eingesetzt. Dort stellte er fest, dass er mit der richtigen Entspannung und mit der Konzentration seines Geistes auf den Einen Punkt im Unterbauch mit Ki gefüllt war. Auf diese Weise konnten ihn die feindlichen Kugeln nicht treffen. (Tohei, 1976). Nach der Rückkehr aus dem Krieg begann er mit Misogi und wurde Schüler von Nakamura Tempu. Dieser lehrte Shin Shin Toitsu Do, die Einheit von Geist und Körper. Das ist laut Tohei die Voraussetzung, sich mit dem Ki des Universums verbinden zu können. Er benutzte statt Ki auch den Begriff kokoro (心), was "Herz" bedeutet, aber auch mit Geist (engl.mind /spirit) übersetzt werden kann.
In Hawaii gewann man den Eindruck, dass Tohei die Techniken von Ueshiba Morihei unterrichtete und diese mit der kokoro-Lehre (mind) von Nakamura erklärte.
Seine Form des Aikido wurde dann bald Ki-Aikido genannt, weil der Begriff Shin Shin Toitsu Aikido als zu umständlich galt. Für Japaner ist "Ki-Aikido" ein hässliches Wort, besonders wenn es in Kanji geschrieben wird 氣合氣道.
Der Begriff Ki ist der zentrale Begriff in Toheis Aikido. In den Dojos hing nun statt einem Wandbild mit "Aikido" eine von ihm erstellte Ki-Kalligraphie.

Ki Kalligraphie von Yoshigasaki Kenjiro

Yoshigasaki

Yoshigasaki Sensei unterrichtete viele Jahre Aikido im Sinne von Tohei. Es ist nicht ganz klar, wieso er sich um die Jahrtausendwende von seinem Lehrer trennte. Möglicherweise war ihm Toheis Lehre zu dogmatisch. Denn zu den vier Grundprizipien des Shin Shin Toitsu Aikido gab es jeweils mindestens fünf weitere Prinzipien, die das Ganze noch genauer festlegten. Ganz zuletzt (2020) äusserte Yoshigasaki Sensei, dass er nicht sein eigenes Aikido unterrichtet habe, sondern immer das Aikido, was er bei seinen Schülern sah. Wahrscheinlich wollte er niemanden indoktrinieren.
Statt der Ki-Kalligraphie von Tohei gab es jetzt die von Yoshigasaki Sensei. In seinem Dojo in Furusato hatte er allerdings überhaupt kein Wandbild aufgehängt.
Seine Standarderklärung bei der Frage nach Ki war, dass es etwas Unklares sei, das dann mit der Zeit klarer werden würde.
Yoshigasaki Sensei propagierte auch die Kommunikation ohne Worte - was im theoretischen Unterricht im Aikido gar nicht so leicht möglich ist. Damit wollte er wohl ausdrücken, dass es müssig ist gewisse Dinge in Worte zu kleiden, weil Worte die Sachverhalte künstlich einengen.

Ki Kalligraphie von Watanabe Shin

Schlussbemerkung

Eine alte Erklärung für Ki, die schon in China geläufig war und später von Ueshiba Morihei und Tohei Sensei wiederholt wurde, ist: "Ki ist eine Ansammlung von kleinsten Teilchen, die das ganze Universum ausfüllen." Später wurde es auch als elektromagnetisches Feld interpretiert. Neuerdings ist die Auffassung verbreitet, dass es sich um ein Quantenfeld handele.
Offensichtlich versucht man, Ki mit Phänomenen aus der objektiven Wissenschaft (Physik) zu beschreiben. Bei diesen hat man wohl das Gefühl, dass sie konkreter und klarer verständlich sind. Dabei ist der Vergleich mit einem Quantenfeld der bisher gelungenste, da dieses physikalisch objektiv nicht vollständig erfassbar ist (Heisenbergsche Unschärferelation).

Statt sich aber auf der Suche nach einer Erklärung eines derart unklaren Begriffs zu verlieren, ist es wahrscheinlich besser, ganz konkrete Übungen im und auch ausserhalb des Dojos zu praktizieren.

Hauptquelle: Stein 2024, Religion, Ki, and Aikido: From Pre-war Japan to the Post-war United States