Verbeugung beim Betreten der Matte

Sinn der Verbeugung

Als Yoshigasaki Sensei beim Sommerseminar in Bosco Gurin 2010 am Ende der frühmorgendlichen Übung (Kenkotaiso, Misogi, Meditation) einfach so die Matte verliess, gab es Fragen, wieso er die Stunde nicht wie üblich mit einer gemeinsamen Verbeugung beendet habe.
Im folgenden Aikidotraining am Vormittag erklärte er Sinn und Zweck der Verbeugung.
Im Englischen spricht Yoshigasaki Sensei von "bowing", also Verbeugung, im Italienischen wählt er die Bezeichnung "saluto", d.h. Gruss.

Zusammenfassung

Der Gruss beim Betreten der Tatami dient als Schnitt. Er macht einen Schnitt zwischen "ausserhalb der Matte" und "auf der Matte". Es ist ein Schnitt in der mentalen Einstellung.
Es gibt oft Leute, die schon vor Beginn des Unterrichts auf der Matte üben. Wenn sie die Matte betreten, ändern sie mit der Verbeugung ihre mentale Einstellung und machen sich bereit für die Übungen.
Das ist die komplette (traditionelle) Etikette, wenn man die Matte betritt.
Wenn der Lehrer dann den Unterricht beginnt, machen alle gemeinsam eine Verbeugung. Und wenn die Stunde vorbei ist, macht man wieder eine Verbeugung, man kehrt in seinen Alltag zurück.
Manche üben allerdings auch noch nach dem Unterricht. Wenn sie dann die Matte verlassen, verbeugen sie sich. Das ist die vollständige Etikette.
Die Etikette kann sich aber situationsbedingt auch ändern.
Wenn ich zum Beispiel ausserhalb der Tatami wie auf der Tatami die gleiche mentale Einstellung habe, dann ist dieser Gruss nicht nötig. Deswegen grüsse ich nicht, wenn ich die Tatami betrete.
Auch wenn ich Personen in mein Dojo (Furusato) einlade und sie dort drei Tage lang bleiben, ist diese Verbeugung beim Betreten der Matte nicht erforderlich. Denn die ganzen drei Tage sind eine einzige Übung. D.h. in meinem Dojo gibt es normalerweise nicht diese Verbeugung, diesen Gruss.
Was ist also der Sinn dieser Verbeugung? Man macht sie aus diesem Grund.
Wenn ihr also frühmorgens hier übt, und wenn schon Leute auf der Matte sind, ist diese Verbeugung vielleicht nicht erforderlich. Aber wir können eine gemeinsame Verbeugung machen, um näher zusammen zu rücken. Wenn wir dann gemeinsam aufhören, verbeugen wir uns dann wieder gemeinsam.
Wenn ihr aber am Ende der Stunde im Seiza sitzt (und jeder für sich gegen die Wand schaut und meditiert), ist es besser wenn ihr aufhört, wenn ihr dazu bereit seid. Dann ist es besser, sich nicht gemeinsam zu verbeugen. Jeder beendet die Übung in seinem eigenen Rhythmus.
Deshalb habe ich mich heute Morgen am Ende nicht verbeugt. Jeder sollte für sich selbst das Ende setzen.

Quelle: Seminario Bosco Gurin 2010