Das Kopfkissenbuch

der Hofdame Sei Shōnagon

Klassiker der japanischen Literatur

Sei Shōnagon (清 少納言, ca. 966-1025) war eine Hofdame am japanischen Kaiserhof während der Heian-Zeit. Von 1001 bis 1010 u.Z. führte sie ein spezielles Tagebuch. Die Notizen versteckte sie unter dem Kopfkissen, daher der Titel "makura no sōshi" (枕草紙, Skizzenbuch unter dem Kopfkissen*). Es zählt zu den Klassikern der japanischen Literatur.
In ihren Aufzeichnungen schildert sie, scharfsinnig und offen, scheinbare Kleinigkeiten, eigene und fremde Erlebnisse, Alltagsgeschichten sowie Klatsch vom Kaiserhof. Diese Schilderungen tragen viel zum Verständnis der höfischen Kultur jener Zeit bei.

Heian-Zeit

Als Heian-Zeit (平安時代, Heian-jidai) wird eine Epoche der japanischen Geschichte bezeichnet. Sie dauerte von 794 bis 1185 u.Z.
Sie begann mit der Verlegung des Kaiserhofs in den Heian-Palast (Daidairi) nach Heian-kyō, dem heutigen Kyōto.
Am Hof von Heian wurden die japanische Kultur, Kunst und Sitten zu ausserordentlicher Verfeinerung geführt. Die Heian-Zeit gilt als die klassische Periode der japanischen Literatur, die besonders von Hofdamen gepflegt wurde. Zur sogenannten Hofdamenliteratur zählen z. B. das Genji Monogatari der Hofdame Murasaki Shikibu und das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shōnagon.
Da die chinesische Schrift die einzige Möglichkeit war, etwas niederzuschreiben, und man das Erlernen derselben als unziemlich für Frauen hielt, führte die Hofdamenliteratur der Heian-Zeit auch zur Entwicklung einer neuen Silbenschrift, die später als Hiragana standardisiert wurde.
Während die höfische Kultur blühte, nahm die Macht des Kaisers immer weiter ab. Der mächtigste Clan im Lande war die Familie Fujiwara. Durch geschickte Heiratspolitik verschaffte sie sich Einfluss. Ihre Töchter wurden mit den Kaisern verheirat und die Fujiwara regierten dann stellvertretend für deren minderjährige Abkömmlinge.
"In der späten Heian-Zeit kümmerten sich die Hofadligen nicht um Politik oder die Verwaltung des Landes. Sie verbrachten ihre Zeit mit Gedichteverfassen, Spielen, Studien, Ausbildungen in allen Künsten, religiösen Feierlichkeiten und Liebelei. Man trieb jeden Genuss des Lebens soweit es einem beliebte, jedoch in einer Art und Weise, dass niemals die Grenze des guten Geschmacks überschritten wurde." (nach Mamoru Watanabe, 1952)

Papierschwemme als Auslöser

Sei Shōnagon war eine Gesellschafterin im engen Kreis um die Kaiserin. Diese hatte eines Tages mit einem Überfluss an Schreibpapier zu kämpfen. Shōnagon bot sich an mit diesem Papier eine Art Tagebuch zu führen.

Das Kopfkissenbuch enthält in der redigierten Form 317 Einträge, die häufig als Kapitel bezeichnet werden und später geordnet und durchnummeriert wurden.

Es gibt ganz kurze Einträge mit wenigen Worten und auch sehr lange über Geschehnisse am Hofe.

Das Kopfkissenbuch war im Original kein Buch, sondern eine Sammlung von Papierbögen.

Sei Shōnagon begründete mit ihrer Art zu schreiben die sogenannte Zuihitsu-Literatur (随筆文学, zuihitsu bungaku), die auch unter der Bezeichnung "wohin der Pinsel führt" bekannt ist.

Entdeckung der privaten Aufzeichnungen

Sei Shōnagon schreibt selbst:
"Ich habe diese Notizen nur für mich selbst geschrieben, um Trost darin zu finden, meine Gefühle niederzuschreiben, und ich hätte nie gedacht, dass sie mit den grossen Werken mithalten und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregen könnten. Deshalb bin ich überrascht, wenn ich höre, wie Leute sagen: 'Es ist ein Meisterwerk'.
Meine Bewunderer gehören, da bin ich mir sicher, zu jener Sorte Mensch, die lobt, was andere verachten, und verachtet, was andere bewundern. Was mich aber letztendlich am meisten bedrückt, ist die Tatsache, dass diese meine Notizen entdeckt worden sind.
Der Leutnant zur Linken, Tsunefusa, war dafür verantwortlich, als er noch Gouverneur von Ise war. Sie fielen aus einer Tatami-Matte, die ich ihm auf der Terrasse reichte, und der Leutnant hob die Blätter schnell vor mir auf und weigerte sich, sie mir zurückzugeben. Sie wurden mir erst nach langer Zeit zurückgegeben. Und von da an wurden sie verbreitet."

Inhalte

Die meisten der 317 Einträge haben Überschriften. Hier eine Auswahl:
- Über die Jahreszeiten
- Vom Leben im Palast
- Der Besuch beim Erzkämmerer
- Das Schicksal der verheirateten Hofdamen
- Ernüchterndes
- Was verächtlich behandelt wird
- Der ungeschickte Liebhaber
- Anstand in der Sprache
- Was Herzklopfen verursacht
- Was ich nicht gern habe
- Die Freuden eines Sommerregentags
- Was vornehm ist
- Was wunderbar ist
- Peinliche Situationen
- Die Landpartie
- Was verwirrend und befremdend wirkt
- Was glücklich macht
usw.

Bio von Sei Shonagon

Sei Shōnagon (966-1025) entstammte der Gelehrtenfamilie Kiyohara, ihr Vater, Kiyohara Motosuke, zählte zu den 36 grossen Dichtern des Landes; die Familie besass zwar Hofämter, war aber finanziell nicht sonderlich gut gestellt.
Ihr eigentlicher Name ist nicht bekannt: Sei bezeichnet den Familiennamen der Kiyohara, Shōnagon war am Hof der Rang eines niedrigen Kabinettsbeamten. Man weiss nicht genau, welche Verbindung sie zu diesem Titel hatte.
Nach Eheschliessung und Geburt eines Sohnes nahm sie 993, womöglich bereits geschieden, den Dienst am kaiserlichen Hof in Kyōto auf, als Hofdame der kaiserlichen Gattin Fujiwara no Sadako (976–1001). Diese starb bei der Geburt ihres dritten Kindes im Wochenbett.
Sei Shōnagon blieb noch weitere 10 Jahre am Hof. Danach verlieren sich ihre Spuren.

Eine kleine Auswahl aus den kurzen Einträgen

26. Dinge, die ermüden
Reinigungsriten.
Vorbereitungen für eine weite Reise.
Mehrtägige Aufenthalte in einem Tempel.
31. Angenehme Dinge
Das Gemälde einer Frau mit einer langen und interessanten Geschichte.
Die Rückkehr von einem Ausflug, alle dicht gedrängt in einer Kutsche, während die zahlreichen jungen Diener die Ochsen geschickt antreiben.
Trotz des dicken Pinsels gelingt es, einen Brief mit feinen Schriftzeichen auf feines, weisses chinesisches Papier zu schreiben.
48. Junge Männer mit Waffen
Junge Männer wirken grossartig, wenn sie aufgrund ihres Standes voll bewaffnet ausziehen können.
Ein Adelssohn, selbst ein gutaussehender und interessanter, verliert jedoch sofort seinen ganzen Charme, wenn er unbewaffnet ist.
57. Abscheuliches Benehmen
Ein junger Mann von hohem Stand, der mit kaum verhohlener Vertraulichkeit den Namen einer Frau von niedrigerem Stand ausspricht, ist wahrlich abscheulich. Er sollte listiger sein und so tun, als hätte er ihn vergessen, obwohl er sich genau daran erinnert. ...
66. Pflanzen
Unter den krautigen Pflanzen zählen Schwertlilie, Binse und Rosenkraut zu den schönsten. Letzteres ist besonders wertvoll, da seine Blüten und Stängel nicht nur schön sind, sondern seit der Antike auch zur Haarverzierung an Feiertagen verwendet wurden. Das Pfeilkraut trägt einen kuriosen Namen; es wirkt etwas hochnäsig.
72. Das Krächzen der Krähen
Es ist merkwürdig, wie das Krächzen der Krähen, das uns tagsüber so verhasst ist, nachts so entzückend ist, wenn sie paarweise auf den Bäumen gleiten, von Ast zu Ast huschen und mit schläfrigen Stimmen singen.
89. Feine Details
Ein schlanker, anmutiger junger Adliger in Hofkleidung.
Eine anmutige junge Frau, die keinen Hakama trägt, hat die beiden Flügel ihres Sommermantels, an denen die Uzuchi (Spielstäbchen) und die kostbare Heilkugel hängen, absichtlich offen gelassen und steht nahe der Terrassenbalustrade, das Gesicht mit einem Fächer verhüllend.
Ein in feines Reispapier gebundenes Buch.
Ein Brief, geschrieben auf hellblauem Reispapier und mit frisch geknospten Utsugi-Zweigen zusammengebunden.
Fächer deren erste und letzte Rippe aus drei überlappenden Leisten aus Zypressenholz besteht.
134. Nächtliche Gespräche
... Sie: "Der Name Hakama ist wirklich albern, und Sashinuki (Pluderhosenhakama) auch. Man sollte sie eher Beinkleidung oder einfach nur Grosse Hülle nennen." Ich unterbrach sie: „Was für ein langweiliges Thema ! Hören wir auf zu streiten und gehen wir stattdessen schlafen.“ ...
157. Menschen die leiden
Die Amme eines Kindes, das nachts oft weint.
Ein Mann mit zwei eifersüchtigen Geliebten.
Ein Exorzist, der mit einem besonders furchterregenden Geist zu kämpfen hat.
Eine Frau, die von einem äusserst misstrauischen Mann innig geliebt wird.
166. Dinge, die nah sein sollten und doch fern scheinen
Die Feierlichkeiten vor dem Palast der Kaiserin.
Blutsbande zu Geschwistern und Eltern, die nicht von Zuneigung geprägt sind.
Der Aufstieg zum Berg Kurama.
Die Zeitspanne zwischen dem 31. Tag des 12. Monats und dem Jahresbeginn.
167. Dinge, die nah sein sollten, aber in Wirklichkeit fern sind.
Das Paradies.
Seereisen.
Menschliche Beziehungen.
218. Die Flöte
Die Flöte ist wunderbar. Es ist faszinierend, aus der Ferne zu hören, wie die Töne immer näher kommen, und aus der Nähe betrachtet, wie sie allmählich in immer ätherischere Klänge übergehen. Eine Flöte lässt sich bequem im Halsausschnitt verstauen, egal ob man in einer Kutsche reist, zu Fuss geht oder reitet.
265. Situationen, die Zuversicht schenken
Wenn man krank ist und einem grossen Mönchschor beim Rezitieren von Sutras zuhört.
Wenn man deprimiert ist und von einem aufrichtigen Liebhaber getröstet wird.
276. Dinge, die Freude bereiten
Das Lesen des ersten Bandes eines unbekannten Romans und das anschliessende Finden des lang ersehnten zweiten Bandes. Manchmal jedoch müssen wir, nachdem wir das Buch beendet haben, unsere Enttäuschung eingestehen.
305. Eine kuriose Begebenheit
Ein Offizier der Wachen am Westtor hatte einen Vater von einfacher Herkunft. Vielleicht schämte er sich vor seinen Kameraden, denn er nahm ihn unter einem Vorwand mit auf eine Reise in die Provinz Iyo und warf ihn ins Meer.
Als dies bekannt wurde, kommentierte man es mit den Worten: „Nichts ist schrecklicher als das menschliche Herz !“ Und am fünfzehnten Tag des siebten Monats, als ein hoher Priester sah, dass der Offizier die Vorbereitungen für das Totengebet des Verstorbenen am Totenfest Obon traf, rezitierte er ihm die Verse: „Ein jämmerlicher Anblick ist das Totengebet dieses Herrn, der seinen Vater ins Meer geworfen hat.“
Es war wahrlich eine kuriose Begebenheit !