Shihan Gianni Gioconto

10.04.1954 - 17.07.2021

Shihan Gianni Gioconto

"wurde am 10. April 1954 in Capua (40 km nördlich von Neapel) geboren. Sein Vater Constantino, der mit seiner Familie aus beruflichen Gründen nach Novara gezogen war, begann 1965 mit dem historischen Meister Umberto Tufo, dem Stammvater aller Aikidoka in der Region, Aikido zu praktizieren. 1968 verzichtete er aus gesundheitlichen Gründen auf Aikido, ohne aber den Kontakt zu verlieren, und wenige Monate später begann 1969 sein Sohn Gianni mit dieser Disziplin.
Bereits 1971 wurde Gianni von Meister Tufo als stellvertretender Ausbilder nach Vercelli geschickt, um seine erste Lehrerfahrung zu sammeln. 1972, als er seinen Führerschein erhielt, schenkte ihm Meister Tufo einen Fiat 500 und schickte ihn als Dojo-Leiter in das damals noch junge Arborio-Fitnessstudio (VC). In den folgenden zwei Jahren unterrichtete er auch in Cameri (NO). 1975 kehrte er aus dem Militärdienst zurück und wurde Schüler und Stellvertreter von Meister Roberto Lovati, der nach einem Seminar mit Meister Koichi Tohei mit voller Unterstützung Giannis beschloss, dessen Lehre zu folgen. Mrister Lovati ging aus persönlichen Gründen in den Ruhestand und Gianni setzte seine Arbeit fort und wurde für das Dojo verantwortlich.
1980 gründete er zusammen mit anderen italienischen Meistern die Ki No Kenkyukai Italia.
Am 1. Januar 2011 gründete er seine eigene Vereinigung namens Un.I.K.A. (Unione Italiana Ki Aikido), Mitglied in der CSAIn, mit der fast alle Dojos im Piemont, einem Grossteil der Lombardei und eine Vertretung in Deutschland (Bonn) zusammenarbeiten. Die Un.I.K.A ist auch direkt Mitglied der Ki no Kenkyukai Internationale von Doshu Kenjiro Yoshigasaki.
Gianni besuchte viele Ki-Aikido-Seminare in Japan und Europa mit den Meistern Koichi Tohei, Maruyama, Otsuka, Kataoka, aber vor allem mit Doshu Kenjiro Yoshigasaki, der seit 1978 sein technischer und moralischer Führer war.
Gianni unterrichtete regelmässig in Novara im Dojo Mei Shin Kan und im Dojo Musokan in Mailand. Ausserdem leitete er Dutzende von Seminaren in Italien und in Europa."

Quelle: Mei Shin Kan Ki-Aikido Novara (auf italienisch).

Gianni hat bekanntlich auch in vielen Seminaren in Berlin bei Michael Winter und in Köln bei Volker Sawatzki unterrichtet, war mehrmals in Trebur und einmal in Haigerloch.

Jo kata

Diese Jokata hat Gianni zusammengestellt, um die Basistechniken des Jo bei mehreren Angreifern üben zu lassen.

Erinnerungen

novara
empoli

Hier folgt ein sehr interessantes Interview, in welchem die profunde Philosphie von Gianni Gioconto aufblitzt, welche er zeitlebens wenig theorisiert hat, die aber in seinem Aikido von höchstem Niveau immer deutlich war.

Der Positive

UKEMI - BUKI-WAZA - AIKIDO NELLA VITA REALE - IL FUTURO

Dieses Interview führte Corrado von "Ki no nagare" im Dezember 2020. Der Originaltext auf italienisch findet sich hier .

Lächelnd, kreativ, frei. In der Lage, mit seinem Gesprächspartner sofort ein entspanntes und angenehmes Klima zu schaffen. Ein wahrer Aikidomeister, kurz gesagt. Aufgrund seiner mehr als fünfzigjährigen Mattenerfahrung erklärte sich Shihan Gianni Gioconto bereit, KNN-Fragen zu vier spezifischen Themen zu beantworten. Wir danken ihm herzlich für seine Bereitschaft. Und vielen Dank immer an Francesco Ingemi für die Tipps und Fotos.

UKEMI

Corrado: Beppe erzählte, dass Meister Yoshigasaki dich immer als "den besten Ukemi" bezeichnete und wenn du dir einige Aufnahmen anschaust, die Meister Maule aus eurer Aikikai-Zeit gepostet hat, kommt man nicht umhin, deine sportlichen Fähigkeiten zu sehen. Ich bezweifle jedoch, dass Sensei sich nur darauf bezog. Deswegen zwei Fragen. Als ihr zur Ki No Kenkyukai gewechselt habt, fandet Ihr einen anderen Ansatz von Meister Tohei und Meister Yoshigasaki bezüglich der Art und Weise, wie Sie Ukemi machten? Und vor allem angesichts deiner jahrelangen Erfahrung, was sind die Qualitäten eines guten Ukemi?

Gianni: Für Ukemi ist eine sportliche Basis sicher unverzichtbar, aber es ist nicht das Element, das den Unterschied macht. Es ist wichtig, eine Neigung zum Bessermachen zu haben, eine Art Grosszügigkeit gegenüber der Aktivität als Ganzes, für die es nicht wichtig ist, seine Fähigkeiten als Uke unter Beweis zu stellen, sondern die Möglichkeit die Kunst, die man ausübt, zu entwickeln. Man muss sich engagieren, um die Interaktion mit Nage deutlich zu machen und nicht nur für die persönliche Leistung. Wenn es gelingt, sich selbst weniger in den Vordergrund zu stellen, um Platz für den Ausdruck der Schönheit des "Ganzen" zu lassen, dann ist das sicherlich ein gutes Ukemi.
Dann gibt es eine andere Veränderung die ich erlebt habe, als ich von der Aikikai zur Ki No Kenkyukai wechselte. Als ich mit Meister Tohei und Meister Yoshigasaki übte, erkannte ich, dass das, was ich tat, nicht ausreichte, und so sehr ich als guter Uke galt, musste ich irgendwie wieder von vorne anfangen zu lernen. Ich musste arbeiten, um ein "echter" Uke zu werden. Ich sage "echt" im Sinne von "wahr", d.h. nicht nur ein Uke, der zur Verfügung steht, um auf Kommando geworfen zu werden. Und in diesem Punkt hat Meister Tohei zuerst und vor allem Meister Yoshigasaki danach durch praktische Beispiele viel gearbeitet.
Oft besteht das Risiko darin, das Üben in eine Art Aufführung zu verwandeln, in der die Angreifer genau über ihre Rolle aufgeklärt werden und dann versuchen, sie möglichst gut auszufüllen, aber alles endet dort. Sie wachsen nicht, sondern bleiben auf eine vorgefertigte Form beschränkt. Und als Ergebnis kann die Kunst sich nicht entwickeln. Dann vergeht die Zeit, nach und nach verliert man die notwendigen körperlichen Voraussetzungen und hört schliesslich oft auf.
Schau, im Ki Aikido gibt es eine Menge Leute, die fünfzig Jahre Praxis oder so auf dem Buckel haben. Was meiner Kenntnis nach in anderen Schulen nicht passiert. Wenn man von dreissig Jahren Praxis hört, sind es schon um Ausnahmen, die oft zu Supermeistern geworden sind. Im Gegensatz dazu ist es im Ki Aikido sehr einfach, jemanden mit einer solchen Erfahrung zu finden. Deshalb sind auch unsere Graduierungen so hoch geworden. Manchmal höre ich Kritik zu diesem Thema der hochgraduierten Dan, aber nach so vielen Jahren der Praxis? Ich finde es natürlich, dass der Meister solch hohe Graduierungen verleiht.
Um auf den Anfang der Überlegungen zurückzukommen, kann ich sagen, dass die sportliche Dimension sicherlich sekundär im Vergleich zur "Realität" steht. Und diese Lektion habe ich in der Ki No Kenkyukai gelernt.

Corrado: Du hattest sicher Gelegenheit, Yoshigasaki Sensei beim Ukemi machen zu sehen ...

Gianni: Bei verschiedenen Gelegenheiten! Wenn Tohei Sensei eine Tsuzukiwaza "offiziell" zeigte, war es immer Yoshigasaki Sensei, der den Uke machte. Ja, Yoshigasaki Sensei ist ein Ukemi der echten, trockenen Art, ohne Schnörkel. Gar nichts Überflüssiges, um den Moment der Technik richtig auszudrücken. Kein Zweifel, ein sehr guter Uke. Und indem ich ihm zuschaute, habe ich viel gelernt.

BUKI – WAZA

Corrado: Im Laufe der Jahre hast du dich, wie andere Shihan, der Entwicklung von alternativen Formen der Arbeit mit Waffen gewidmet – anders als in den Standardformen in den Tsuzukiwaza. Es ist ein kreativer Prozess, der Erfahrung und ein gewisses Mass an Mut erfordert, den ich sehr beneide. Nach welchem Kriterium hast du "deine" Formen entwickelt? (Hast du dich zum Beispiel einfach von den Kata des Ki Aikido leiten lassen oder gibt es andere?) Und was ist vor allem der Zweck, für den du sie geschaffen hast?

Gianni: Ich habe mich ehrlich gesagt nicht von den bestehenden Tsuzukiwaza leiten lassen, obwohl die Bewegungen mit Waffen unweigerlich die gleichen sind: Yokomenuchi, Shomenuchi, Tsuki... es ist daher offensichtlich, dass sie dann alle vorkommen. Vielmehr kam der anfängliche Impuls gerade aus der Notwendigkeit, grundlegende Bewegungen leichter zugänglich und klarer zu machen. Ich nenne dir ein Beispiel: Tsuki. Als ich nur Tsuki trainieren liess, ohne eine spezifische Übung, um ihn vorzubereiten, bemerkte ich, dass die Mehrheit der Schüler den Jo in der Luft schwenkte, aber ohne ein tiefes Verständnis der Bewegung. Es gab "Bewegung", aber ohne wirklich klaren Zweck (ohne Ki könnte man sagen, NdR). Allmählich habe ich Übungen gefunden, die nützlich waren, um Ernsthaftigkeit zu entwickeln. Ich gruppierte diese Übungen dann so, dass sie eine umfassende, ausreichend harmonische Wirkung haben, und so sind diese Tsuzukiwaza mit Waffen entstanden.
Diese Sequenzen werden, bevor sie die Würde von Tsuzukiwaza annehmen, in der Regel mehrfach überprüft und verschiedenen Tests unterzogen. Wenn die Schüler sie dann nicht als künstliches Konstrukt sehen, sondern ihren Nutzen erfassen, dann ist das perfekt.
Zum Beispiel habe ich eine Tsuzukiwaza mit dem Jo entwickelt, die praktisch von selbst entstanden ist. Ich begann damit, alle Bewegungen mit dem Stock zusammenzufügen: Yokomenuchi, Shomenuchi, Tsuki, Ushiro Tsuki, der Angriff von unten nach oben und der kreisförmige Schlag. Ich habe sie dann in eine logische Abfolge von 12 Techniken angeordnet, die es ermöglichen, schnell und einfach alle grundlegenden Bewegungen zu üben. Zu dieser Sequenz fügte ich dann die Möglichkeit hinzu, dass mehrere Ukemi angreifen und so ist eine Tsuzukiwaza mit vier oder acht Partnern entstanden. Aber ich habe nicht mit der speziellen Absicht, so etwas zu schaffen, begonnen: Es kam ganz natürlich wie von selbst.
Ich habe gesehen, dass Doshu Yoshigasaki bei diesen Initiativen nie interveniert ist, und ich habe deshalb das Gefühl, dass sie nicht schädlich sind und dass ich diesen Weg fortsetzen kann.

Corrado: Ich darf dir eine Frage stellen, die ich schon lange habe und die du vielleicht beantworten kannst: Im Ki-Aikido üben wir Jo gegen Jo, aber es handelt sich um vom B abgeleitete Bewegungen, während sie in der Aikikai Kumi-Jo-Formen praktizieren, in denen sich beide Waffen nach der Logik des kurzen Stocks bewegen. Warum gibt es im Ki-Aikido keine solche Sequenz?

Gianni: Stock-gegen-Stock ist eine Praxis, die in Japan nie als "echte Kampfkunst" galt: Es galt immer als eine Art Spiel für Kinder oder jedenfalls ein Kampf, der nicht den Samurai entsprach. Und so hat sich in dieser Hinsicht wenig entwickelt. Meister Saito hat den Stock häufig benutzt, aber eher als Suburi oder als Kumi Jo und nicht als Tsuzukiwaza. Die Arbeit besteht also darin, einzelne Übungen zu wiederholen oder separate Paarformen zu praktizieren, nicht Sequenzen, die auf einer Logik der Veränderung und des Übergangs von einer Situation zur anderen basieren, wie es bei unseren Tsuzukiwaza ist.

Corrado: Eine Sache, die mich bei Saito schon immer fasziniert hat, sind die Techniken, in denen Nage den Jo benutzt, um den anderen zu werfen, aber nicht wie in unserem Jo Nage, wo der Stock von Ukemi gefasst wird, sondern ihn zum Beispiel in die Ellenbogenbeuge von Ukemi einführt, um ihn zu führen... Das ist auch eine Übung, die ich im Ki Aikido noch nie gesehen habe.

Gianni: Vor dem Wechsel zur Ki No Kenkyukai haben sowohl ich als auch die anderen älteren Shihans alle solche Formen praktiziert, und ich persönlich hole sie hin und wieder hervor. Klar, mehr als spielerische Form und weniger als ernsthafte Übung. Aber manchmal, wenn sie mit Augenmass und Intelligenz verwendet werden, sind sie didaktisch nützlich, um bestimmte Informationen weiterzugeben. Natürlich braucht es ein Minimum an persönlichem Wissen und Erfahrung, um sie in eine Lektion zu integrieren.

AIKIDO IM WIRKLICHEN LEBEN

Corrado: Du bist nicht nur ein Meister im Aikido, sondern hast immer deinen Job als Unternehmer behalten und im Laufe der Jahre, glaube ich, mit grossen Opfern hast du es geschafft, einen doppelten Weg voranzubringen. Meister Tohei sprach über „Ki im täglichen Leben“ und Meister Yoshigasaki von „Aikido im wirklichen Leben“. Welchen Wert hatte das Praktizieren in deinem Arbeitsleben ausserhalb der Tatami für dich?

Gianni: Ich würde sagen, es gab einen guten Ausgleich zwischen beiden Aktivitäten. Jede von beiden gab mir etwas, das es mir ermöglichte, die andere besser zu machen. Ich glaube zum Beispiel, dass Aikido im Laufe der Zeit meine Kommunikationsfähigkeit und meine Kundenbeziehung erheblich verbessert hat. Andererseits glaube ich, wenn man den Unterricht einer Kampfkunst "als Unternehmer" versucht, dies eine Gelassenheit ermöglicht, die sehr nützlich ist: Man weiss, wie es ist, eine Organisation zu führen, ein Projekt zu führen, es zu entwickeln, es zu kommunizieren, die Menschen zu unterstützen, die beteiligt sind. Und dann eine dauerhafte Beziehung zwischen den verschiedenen Dojos in der eigenen Gruppe zu schaffen, die auf gegenseitigem Respekt beruht. All dies sind Elemente, die ein Unternehmer unbedingt lernen muss.
Das Ki Aikido lehrt jedoch eine ebenso wichtige Sache für einen Unternehmer, nämlich dass man nicht immer gewinnen kann. Daher muss man sich auch auf die schwierigsten Eventualitäten bestmöglich vorbereiten. Mit anderen Worten, es bedeutet, die Bedingungen in sich selbst zu schaffen, um zu sich selbst sagen zu können: "Okay, wir tun alles, so gut wie wir es können." Im Übrigen ändern sich die Dinge ständig und unvermittelt. Es genügt, das zu betrachten, was in diesem Jahr passiert ist!

Die Zukunft

Corrado: Die Pandemie und Gesundheitsnotstand, unabhängig davon welches Licht wir heute am Ende des Tunnels sehen, stellten für so viele Dinge einen Wendepunkt dar. Wie siehst du die Zukunft des Ki-Aikido nach COVID?

Gianni: Ich denke, wir müssen zu den Ursprüngen und damit zum Präsenzunterricht zurückkehren. Alle Möglichkeiten, die uns die digitale Technologie und das Internet bieten, sind sicherlich gute Notbehelfe, nützlich, um das Interesse zu wecken und aufrechtzuerhalten, aber sie können den Präsenzunterricht nicht ersetzen.
Sicherlich sind und waren sie nützlich, um die Beziehungen zwischen den verschiedenen Realitäten aufrechtzuerhalten, und ich finde es sehr positiv, dass die Instruktoren damit in Kontakt bleiben, Initiativen entwickeln und die Wiedereröffnung vorbereiten.
Was mich betrifft, so planen wir mit Maurizio Volpe bereits Outdoor-Unterricht für den Anfang des neuen Jahres 2021. Zu Beginn des Gesundheitsnotstands befürchtete ich, dass das Interesse sehr nachlassen würde. Stattdessen halten aber die verschiedenen Gruppen zusammen, nach dem was ich sehe und höre. Wir müssen nur Geduld haben und sehen, was passiert, wann wir endlich wieder anfangen können, aber ich bin zuversichtlich!

Anmerkung des Übersetzers:
Tatsächlich fand am 20. Juni 2021 ein Seminar mit Maurizio Volpe in Novara statt, bei dem Gianni im Rollstuhl auch zugegen war und beim gemeinsamen Essen danach mit den Anderen über die Zukunft unseres Aikido nach dem Tod von Yoshigasaki Sensei diskutierte. Nur einen Monat später, am 20. Juli 2021, fand unter Beteiligung seiner Familie, seiner Bekannten und zahlreichen Aikidoka aus dem Piemont, der Lombardei und dem Tessin die Begräbnisfeier für Gianni in der Chiesa di San Martino in Novara statt. Requiescat in Pace.