Interview mit Koichi Tohei und Shinichi Tohei

William Reed conducted the following interview with Master Koichi Tohei, along with his son and successor Shinichi Tohei (Waka Sensei), on May 19, 2000. The interview was conducted in Japanese, and then translated by William Reed with Tohei Sensei's approval. Translated to German by B. Boll.

William Reed, bekannt durch seine Bücher über Ki, führte dieses Interview mit Meister Koichi Tohei, und dessen Sohn und Nachfolger Shinichi Tohei (Waka Sensei, d.h. "junger" Lehrer) am 19. Mai 2000. Das Interview fand auf Japanisch statt und wurde dann von William Reed ins Englische übersetzt.

Ihr Buch "Ki no Kakuritsu" ist eine persönliche Biographie dessen, was Sie von Ihren 3 Hauptlehrern im Leben gelernt haben. Was Sie in der Ki Society unterrichten beruht auf dem, was Sie gelernt haben, unterscheidet sich aber von dem Ihrer Lehrer. Was war das Wichtigste, das Sie von jedem gelernt haben und wie haben Sie diese in einen ganz neuen Zusammenhang gestellt?
Mein erster Lehrer war Tetsuju Ogura, ein Schüler des Schwertmeisters Tesshu Yamaoka aus der Meiji-Zeit. Das Training enthielt strenge Misogi-Atemübungen und Singen und auch lange Stunden von Zen-Meditation. Tesshu war ein Mann, dessen ganze Lebenseinstellung auf der Idee beruhte, dass man dann, wenn man sich entscheidet, etwas zu lernen, es auch gänzlich in der Wirkung ausprobieren muss. Jede Theorie muss im Experiment geprüft werden und dann kann man das Gute annehmen und das Schlechte verwerfen.
Alles was ich heute unterrichte ist durch eingehende Erfahrung entwickelt worden; das gilt für mich und für meine Schüler.

Ich lernte Aikido von Morihei Ueshiba, auch hier wurde alles erst ausprobiert und danach wurden die Fragen gestellt. Ueshiba Sensei war ein Meister des Ki und auch der Gründer des Aikido.
Er war jedoch auch ein Anhänger der Omotokyo-Religion, und dies beeinflusste seinen Aikidounterricht. Es war häufig nicht möglich einen Sinn in seinen esoterischen Erklärungen zu finden. Ich habe alle seine Übungen ernsthaft trainiert, obwohl viele von der Omotokyo-Religion kamen und für uns keinen Sinn ergaben. Zum Beispiel sollten wir das Alphabet in einer anderen Reihenfolge aufsagen. Statt die Vokale in der japanischen Reihenfolge "A-I-E-O-U" zu sprechen, mussten wir sie unaufhörlich als "A-O-U-E-I" wiederholen, weil diese Reihenfolge angeblich eine tiefere Bedeutung hätte. Er erzählte uns, dass wir eins mit dem Ki des Himmels werden sollten, aber nicht, wie wir das bewerkstelligen sollten. Man konnte viel mehr von ihm lernen, wenn man beobachtete, wie er Aikido ausführte, als dass man ihm bei seinen Erklärungen zuhörte. Das wirklich Wichtige was ich von Ueshiba-Sensei lernte war, wie man sich entspannt. Er war im Angesicht eines Konflikts immer entspannt, daher war sein Aikido so stark. So verhielt er sich selbst, aber er forderte seine jungen Schüler auf, so stark wie möglich festzuhalten. Wenn man im Aikido nicht entspannt ist, kann man niemanden werfen. Es erschien uns wie ein Rätsel, dass Ueshiba-Sensei immer uns werfen und sich immer aus einer Umklammerung befreien konnte. Er lenkte das Ki und er konnte seinen Gegner immer in die Richtung werfen, in die er sich schon bewegte. Ich fing an, rasche Fortschritte zu machen, als ich seine Art kopierte und seinen Aussagen weniger Beachtung schenkte. Ich kam schließlich so weit, dass ich etwa 30% der Techniken behielt, die ich von Ueshiba-Sensei gelernt hatte, und den Rest änderte oder wegließ. Was ich wirklich von ihm lernte waren nicht Techniken sondern das wahre Geheimnis des Aikido, Konfliktfreiheit, nicht gegen die Kraft des Gegners anzukämpfen, sondern sie zu benutzen.
Nach dem 2. Weltkrieg lernte ich bei Tempu Nakamura, einem bekannten Yoga-Meister und Psychologen, der lehrte, dass der Geist den Körper lenkt. Ich hatte das auf dem Schlachtfeld häufig erlebt. Wenn wir unter Beschuss lagen, klagte niemand über Magenprobleme, aber sobald wir sicheres Gelände erreichten, nahmen alle es etwas lockerer und jeder wurde krank. Der mentale Zustand der Sorglosigkeit kann tatsächlich krank machen. Nakamuras Lehre, dass der Geist den Körper bewegt, half mir, die Grundprinzipien des Aikido zu verstehen. Deswegen nannte ich meine Form dieser Kunst "Aikido in Einheit von Geist und Körper" (Shin Shin Toitsu Aikido). Im Westen ist es jetzt als Ki-Aikido bekannt. Ich habe sorgfältig alles ausprobiert, was Nakumura-Sensei lehrte. Das Ergebnis meines Probierens zeigte mir, dass einiges funktionierte, manches aber nicht. Eine Technik, die nicht funktionierte war eine Meditationstechnik aus dem Yoga namens Kumbahaka. Sie beinhaltete das feste Schließen des Anus, Kraft in den Unterbauch zu legen, den Solarplexus zu entspannen, die Schultern herunter hängen zu lassen, die Ohren auf einer Linie mit den Schultern zu halten und die Lippen gegen die Zähne zu pressen. Das war wirklich ein übertriebener und schrecklicher Versuch die natürliche Haltung zu erklären. Nakamura selbst führte diese Technik nicht aus, aber so erklärte er sie. Viele alte orientalische Methoden verwenden übertriebene Beschreibungen, um einen natürlichen Zustand zu beschreiben - und kommen dann zu völlig falschen Ergebnissen. Aber ich probierte alles gründlich aus, um aus der Erfahrung zu lernen. Wenn ich Kumbahaka bei der Arbeit in der Landwirtschaft praktizierte, bekam ich einen schlimmen Rücken, wenn ich es beim Gehen übte, kam ich außer Atem, und wenn ich es im Aikido einsetzte, funktionierte keine einzige Technik mehr. Das Wichtigste ist, wie man etwas tut, nicht wie man es sagt. Indem ich mich an natürliche Prinzipien hielt und es so machte wie Nakamura selbst, statt so wie er es sagte, fand ich heraus, wie ich es richtig und sinnvoll machen musste. Er bemerkte das und fragte mich, was ich da mache. Ich sagte ihm, ich übte Kumbahaka. Er wusste das und wollte wissen, wie ich es machte. Ich zeigte ihm, dass sogar seine fortgeschrittenen Studenten aufgrund der Anspannung, die sie beim Versuch, diese Übung nachzuvollziehen, entwickelten, leicht umzuschieben waren. In seinen späteren Jahren änderte er die Art, wie er die Übung erklärte, aber nach seinem Tod kehrten seine Schüler zu der alten Erklärung zurück. Und jetzt ist es nicht besser als damals.

Können Sie erklären, wie Sie aus den Aikidokünsten ein System von Aiki-Übungen, Gesundheits-Übungen und neuerdings die Rhythmus-Übung in Einheit (von Geist und Körper) entwickelten, und wie das alles mit Aikido zusammenhängt?
Nach meinem ersten Besuch in Hawaii 1953 kam ich viele Male zurück und unterrichtete auf jeder Insel wie auch auf der Hauptinsel. Wenn ich wiederholt zu einem Dojo kam, erinnerten sich die Leute nicht mehr an das, was ich sie schon gelehrt hatte. Es schien, dass viele der Aikidotechniken schwierig auszuführen waren, besonders mit wechselnden Partnern. Damals schuf und lehrte ich einen Satz Aiki Taiso oder Übungen, die man alleine ausführen kann. Sie enthielten die Grundbewegungen der Aikidotechniken. Dadurch konnten sie sich die Aikidotechniken einfacher merken, insbesondere weil ich Teilnehmer aller Art in meinem Unterricht hatte, junge und alte. Aber nur Wenige hatten die Zeit, sich nur dem Aikido zu widmen. Es störte mich, dass sogar diese Übungen zu wenig waren, dass die Leute sich zwischen meinen Besuchen die Dinge merken konnten. Sie führten sie richtig aus, so lange ich da war, aber wenn ich sie dann beim nächsten Mal wieder sah, hatten sie es schon wieder vergessen. Es blieb einfach nichts hängen. Dann wurde mir klar, was fehlte. Wenn es stimmt, dass der Geist den Körper bewegt, dann reicht es nicht, nur die Körperbewegungen auszuführen. Um dieses Problem zu lösen, ließ ich die Leute die gleiche Bewegung in jeder Übung jeweils zwei Mal machen, und  das funktionierte verblüffenderweise jedes Mal. Sogar Anfänger konnten Geist und Körper koordinieren und waren sehr stabil, wenn Sie nach solch einer Zweifach-Übungen getestet wurden. Bei der ersten Bewegung war der Geist nicht ganz bei der Aktion, aber bei der zweiten waren Geist und Körper vereinigt. Ein Mal verloren, zwei Mal gefunden. Auf Drängen meiner Frau entwickelte ich dies zu einer Übungsfolge, die zu Musik ausgeführt werden konnte. Ich nannte es "Eins-Sein Rhythmus Übung". Selbst wenn jetzt einige meiner Schüler es missverstehen und denken, dies sei ein Ersatz für Leute, die keine Aikido üben, ist es doch tatsächlich ein Kompaktprogramm, um das eigene Aikido zu verbessern. Die Übung schult das Entspannen und das richtige Gefühl für Rhythmus. Das ist auch der Schlüssel, um eine Aikidotechnik effektiv zu machen. Deswegen fordern wir von unseren Schülern die Beherrschung dieser Übung, ehe sie die Schwarzgurt-Prüfung ablegen. Es bedarf keiner weiteren Worte. Mit einem Ki-Test vor und nach den Übungen sieht man, wie gut es funktioniert.

Sie haben im Laufe der Zeit viele Änderungen an den Aikidotechniken vorgenommen, wichtige Änderungen wie etwa Würfe oder Hebel ausgeführt werden, damit sie besser mit den Ki-Prinzipien übereinstimmen. Kann jemand der einen anderen Aikido-Stil praktiziert oder sogar eine andere Budokunst wie Judo oder Karate die Ki-Prinzipien in seinen Techniken anwenden?
Natürlich, Ki-Prinzipien lassen sich auf alle Kampfkünste anwenden, sogar auf Sport, Tanzen oder andere Übungsformen. Es gibt vier Grundprinzipien: Den einen Punkt halten, Vollkommen entspannen, Gewicht unten halten, Ki fließen lassen. Keines von diesen ist auf Aikido beschränkt, sie können wirklich auf Alles im täglichen Leben angewandt werden. Ich lehrte diese Prinzipien dem Baseball-Profi Sadaharu Oh und er stellte einen neuen Weltrekord für Home Runs auf. Die Grundprinzipien des Universums gelten für Alles was man tut. Der Grund für unbefriedigende Ergebnisse ist, dass die Leute versuchen, gegen die natürlichen Prinzipien zu handeln. Wenn man sich an die Prinzipien erinnert und sie unterbewusst einsetzt, arbeiten sie immer für einen. Leider habe viele die schlechte Angewohnheit, die Grundlagen zu vergessen, sobald sie ein paar Fortschritte gemacht haben. Deswegen muss man ständig weiter üben.

Sie haben mit den Taigi-Techniken eine Art olympischen Wettkampf, etwas Außergewöhnliches im Aikido, eingeführt. Aus welchem Grund haben Sie das gemacht und was sind die eigentlichen Ziele bei diesen Taigi-Wettbewerben?
Ueshiba Sensei lehrte, dass Aikido auf Konfliktfreiheit (non-dissension) aufbaut und deswegen verbannte er Wettbewerbe aus dem Aikido. Wenn Konfliktfreiheit falsch interpretiert wird, kann es auch bedeuten, vor Problemen wegzulaufen. Der Kern der Sache ist, dass angesichts eines Konfliktes derjenige der Stärkste ist, der entspannt ist. In gewöhnlichen Auseinandersetzungen wird Kraft gegen Kraft gesetzt und der Stärkere gewinnt. Aber der Sieger von heute ist der Verlierer von morgen. Niemand ist unbesiegbar. In Wahrheit setzt Aikido nicht Kraft gegen Kraft, sondern überwindet die Kraft, indem es sich mit ihr verbindet und sie lenkt. Aber wenn man das nie unter Wettkampfbedingungen testet, woher will man wissen, ob man es richtig macht oder nicht? Gewöhnliche Wettkämpfe finden unter geschützten oder festgelegten Bedingungen statt. Dadurch besteht die Gefahr, sich schlechte Gewohnheiten anzueignen, die einem auf der Straße nichts helfen, wo ein Angreifer nicht nach den gleichen Regeln spielt. Die wahre Bedeutung von Konfliktfreiheit liegt darin, angesichts eines Konfliktes zu entspannen, das Ki des Gegners zu respektieren und es zu einem unschädlichen Abschluss zu führen.
Der Taigi-Wettbewerb ist keine Gelegenheit, um zu sehen, ob der Eine stärker als der Andere ist, sonder eher um Aikidotechniken zu prüfen, zu zeigen und vorzuführen. Das geschieht vor Publikum und Preisrichtern, die nach strengen Regeln bewerten. Die wichtigsten Dinge, auf die wir achten, sind Fudoshin (Stabilität, Gleichgewicht), guter Rhythmus und Fülle des Ki (Ausdehnung, Ästhetik). Es gibt Dutzende von Kriterien speziell für die einzelnen Techniken, aber das sind die wichtigsten. Die Gewohnheiten des täglichen Übens erscheinen sehr klar unter dem Druck des Taigi-Wettbewerbs. Aber das ist etwas ganz Anderes als ein Kampf.
Wenn man jemanden dahin führt, wo er hin will, wird er gerne folgen. Zu dessen Besten wünsche ich, dass er nicht widerstrebt. Aber wenn man egoistisch die Anderen hinter sich lässt, werden sie natürlich Widerstand leisten und schon ist der Konflikt da. Das ist das Problem heute, wo jeder an sich selbst denkt, und nicht an die Konsequenzen für Andere oder die Umwelt denkt. Das ist das Ergebnis von hundert Jahren Materialismus des 20. Jahrhunderts, der den Körper über den Geist gestellt hat. Die fünf Prinzipien des Shin Shin Toitsu Aikido gelten genauso für Kunst Andere zu führen. Ki fließen lassen, den Geist des Gegners kennen, Das Ki des Gegners respektieren, Sich an die Stelle des Gegners versetzen, Mit Selbstvertrauen führen. Wir zeigen das Schritt für Schritt beim Unterrichten jeder einzelnen Aikidotechnik, aber es funktioniert genauso gut im Geschäftsleben oder im Verkauf. Wenn die Verantwortlichen in den Firmen es so machen würden, würden ihre Angestellten freudig und hart arbeiten. Das gleiche gilt für Eltern und Lehrer. Der Hauptzweck des Aikido ist es, Ki zu entwickeln und zu üben. Der Taigi-Wettbewerb bietet eine Gelegenheit dies auf einem hohen Niveau zu zeigen und zu prüfen.

Sie haben eine Methode mit Ki zu heilen entwickelt, die Kiatsu-Therapie. Wie unterscheidet sich Kiatsu von Shiatsu und von anderen Formen der orientalischen Massage?
Der Hauptunterschied ist, ob es auf Ki-Prinzipien beruht oder nicht. Wenn Sie ständig Dinge gegen natürliche Prinzipien tun, werden sie wahrscheinlich ausgelaugt oder krank enden. Der größte Fehler, den viele machen, besteht darin, dass sie annehmen, der Therapeut sei derjenige, der den Patienten heilt. Selbst Mediziner vergessen die Lebenskraft, wenn sie Patienten behandeln. Es ist die eigene Lebensenergie des Patienten, die heilt, und der Therapeut stimuliert nur den Fluss des Ki, was dann tatsächlich den Patienten heilt. Wenn jemand schwach ist und Hilfe benötigt, kann Kiatsu ihm wieder auf die Füße helfen. Aber jeder wird längerfristige Ergebnisse erzielen, wenn er die Verantwortung für seine geistige und körperliche Gesundheit selbst übernimmt. Ein hoher Prozentsatz von Krankheiten wird durch Stress verursacht oder verschlimmert.

 

KI KONZEPTE

Das Markenzeichen und zentrale Prinzip der Ki Gesellschaft ist Ki. Wie würden Sie Ki einem Kind erklären?
Ki ist ein japanisches Wort, das die natürliche Energie des Universums bezeichnet. Konkret erfahren wir es meist als Lebenskraft, das was uns die Gesundheit und das Glück erhält. Im Japanischen bedeutet "ikite iru" leben, "iki o shite iru" bedeutet atmen, und obwohl die Schriftzeichen unterschiedlich sind, enthalten beide Ausdrücke die Silbe Ki. Ursprünglich hatte das Japanische kein Schriftsystem, wir übernahmen die chinesischen Schriftzeichen und passten sie an unsere Sprache an. Das Schriftzeichen für Ki ist chinesisch, aber das Wort Ki gab es im Japanischen, ehe das Schriftzeichen übernommen wurde. Als ich zum ersten Mal nach Hawaii fuhr, das war 1953, fragte ich meine Schüler, ob es ein entsprechendes Wort im Englischen gäbe. Sie schauten im Wörterbuch nach und fanden nichts Entsprechendes. Also begannen sie das Wort Ki zu verwenden und jetzt benutzt es jeder. Kinder erkennen es instinktiv. Es sind die Erwachsenen, die es mit Worten erklären wollen.

Auf welche Weise erhält Ki-Aikido die Gesundheit und fördert die Fitness?
Wir sprechen von Ki als einer Energie, die frei zwischen unserem Körper und dem Universum fließt. Jemand, der gesund ist, hat "genki", d.h. er hat starkes Ki. Wenn Ihr Körper durch Stress und Anspannung durcheinander ist, wird das Ihre Gesundheit negativ beeinflussen. Aikido ist eine ausgeglichene Übungsform, die den Körper jung und fit hält. Und es ist auch eine hervorragende Methode starkes Ki zu entwickeln.

Was ist das größte Missverständnis beim Ki?
Das größte Missverständnis ist, zu denken, Ki sei etwas Magisches oder Übernatürliches. In Wirklichkeit ist Ki so natürlich wie Luft und Wasser. Manche Leute unterrichten, dass sie "Ki benutzen" können, um Andere zu werfen ohne sie zu berühren. Aber das funktioniert wohl nur bei den eigenen Schülern eines Lehrers. Ich lehre, natürlich zu bleiben, und ich habe nie etwas anderes unterrichtet. Ich zeige im Unterricht Übungen, die Manche für ungewöhnlich halten mögen. Zum Beispiel, dass man seinen Körper nicht mehr hochheben lässt, selbst wenn mehrere starke Leute dies versuchen. Oder sich so zu konzentrieren, dass man von niemandem umgeschoben werden kann. Aber keine dieser Übungen ist übernatürlich und alle meine Schüler können sie genau so gut ausführen. Man benötigt keinen Assistenten, der dafür sorgen würde, dass der Trick funktioniert. Deswegen rufe ich immer Personen aus dem Publikum auf, die ich nie gesehen habe, um diese Übungen vorzuführen. Jemand, der dies ohne es zu verstehen sieht, könnte es übernatürlich nennen, aber ich habe mich nie in diese Richtung profiliert.

Die meisten denken, dass man entweder ausweichen oder es annehmen muss, wenn jemand gegen den Körper drückt. Wenn man aber entspannt und koordiniert ist es relativ leicht, die ankommende Kraft in den Einen Punkt umzulenken und stabil wie ein Felsen zu sein, selbst wenn mehrere Personen versuchen, einen um zu schieben. Das gleiche passiert, wenn sie mental unter Druck geraten. Sie sagen zu sich selbst, dass sie müde sind, und reden sich wortwörtlich in einen Erschöpfungszustand. Das ist nur natürlich, denn der Geist folgt dem Körper (??? Anm. des Übersetzers: ich dachte, das geht andersherum). Deswegen würde ich meinen Schülern auch nicht erlauben, negative Ausdrücke zu benutzen. Man redet die Schwierigkeiten herbei. Junge Leute haben heutzutage die schlechte Gewohnheit, sich in Entschuldigungen zu flüchten. "Ja, aber ich kann nicht …" Wie kann man "kann nicht" sagen, ohne es zuerst zu versuchen? Wenn man denkt, das etwas schwierig ist, ist es das Wichtigste, eine Lösung zu suchen, nicht einfach aufzugeben. Viele Leute geben beim ersten Anschein von Widerstand schon auf.

Sie sagen, alles besteht aus Ki, und wenn das Ki frei fließt, sind wir in einem Zustand guter Gesundheit. Haben Gegenstände und unsere Besitztümer auch Ki in diesem Sinne?
Natürlich fließt Ki in Allem. Deswegen müssen wir unser Eigentum mit Sorgfalt behandeln. In diesem Sinne ist alles lebendig. Nicht nur die Pflanzen und die Tiere. Dinge sind auch lebendig und es hat Auswirkungen auf sie, wie wir sie behandeln. Wir verschwenden zu viel und wir sollten mehr Sorge für das tragen, was wir besitzen. Ehe wir Dinge wegwerfen, sollten wir versuchen, sie zu reparieren, sie wieder zu verwerten und wieder benutzen, und auf sie Acht geben, damit sie länger halten. Ein wichtiges Grundprinzip der Kampfkünste ist es, Gegenstände und Menschen mit Respekt zu behandeln.

Was ist das Geheimnis eines guten Kiai?
Kiai ist bloß ein Wort, dass Kampfkünstler für einen konzentrierten Schrei erfunden haben, der in einer Technik verwendet wird. Seine wahre Bedeutung ist, positives Ki in Alles was man tut, strömen zu lassen. Der wirkliche Kiai kann lautlos sein, positiv denken und starke mentale Kraft im Tun. Selbst wenn jemand droht, Sie anzugreifen, wenn Sie starkes Ki ausstrahlen, sendet dies ein kraftvolles unterbewusstes Signal an den Angreifer, so dass kein Raum für einen Angriff da ist. Wenn Eltern immer daran denken, ihren Kindern zu helfen, besser zu werden, ist das auch Kiai. Wenn Kinder sich schlecht benehmen, sollten Eltern über sich selbst Gedanken machen. Oft bedeutet es, dass die Kinder mehr Zuwendung, mehr Kiai brauchen.

Sie sagen, dass sie gerne lächeln, wenn Sie in Schwierigkeiten sind. Sie verlagern die Schwierigkeiten auf die Gegenseite durch eine positive Sicht auf die Möglichkeiten, eher als auf die negative Sicht der Beschränkungen. Ihre Art, Dinge zu sehen, ist häufig genau umgekehrt zu der von gewöhnlichen Leuten. Wie haben Sie diese Art zu denken entwickelt?
Wir werden in eine relative Welt hineingeboren. Eine Welt von Gegensätzen. Wir sehen die Dinge in Schwarz-Weiß und vergessen die Grauschattierungen dazwischen. Die Verbindungen zwischen Dingen sind nicht immer offensichtlich. Im Gegensatz zum Anschein sagte Galileo, dass die Erde sich um die Sonne bewegt, und natürlich hatte er Recht. Man kommt leicht in eine Denkweise, die einen glücklich macht, wenn alles gut geht, wobei man sich aber aufregt, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Man sieht die Dinge anders, wenn man sich erinnert, dass im Untergrund tatsächlich alles mit Ki verbunden ist, und man sich nicht über jede kleine Änderung aufregen muss.

LERNEN WIE MAN LERNT

Um Aikido zu meistern, braucht es Jahre. Die Leute fragen sich, wie lange es wohl dauert, bis man gelernt hat, sich mit Aikido "selbst zu verteidigen": Was können Schüler im Dojo lernen, das sie sofort im täglichen Leben anwenden können?
Der eigentliche Sinn des Aikido ist es nicht, Techniken zu lernen, sondern zu lernen, wie man Geist und Körper vereinigt. Wenn man seinen Geist nicht kontrollieren kann, wie kann man dann seinen Körper kontrollieren? Wenn man die Ki-Prinzipien richtig anwendet, kann man leicht Aikido ausüben. Der Grund dafür, dass es seine Zeit braucht, Aikido zu lernen, liegt darin, dass wir vergessen haben, die Prinzipien anzuwenden. Wir haben auch schlechte Gewohnheiten, die wir überwinden müssen. Ich verleihe schwarze Gürtel nicht vorschnell, weil die Leute erst lernen müssen, Geist und Körper in einem gewissen Ausmaß zu vereinen, ehe sie für eine Graduierung reif sind. Man kann Andere täuschen, aber man weiß selbst was man getan hat, und was nicht. Es gibt z.B. kein perfektes Verbrechen, weil man das Universum nicht täuschen kann. Manche denken, man könne ungestraft die Gesetze der Natur brechen, aber es gibt das Sprichwort: What goes around, comes around. Eine meiner schlechten Gewohnheiten in meiner Jugend war übermäßiges Trinken. Ich war jung und stark genug, dass ich dachte, es werde mir nichts ausmachen. Aber die Exzesse holen einen schließlich ein. Mein Arzt sagt, dass ein Glas Wein am Tag gut für die Gesundheit sei, aber übermäßiger Alkoholkonsum kann die Gesundheit ruinieren. Viele junge Leute heute denken, sie könnten ohne Konsequenzen ihren Körper missbrauchen oder brauchten keine Rücksicht auf ihn zu nehmen. Die Zeit wird es zeigen.
Fehlender Respekt ist heute ein großes Problem in den Schulen und den Familien.

Können Sie den Ausdruck ma-ai erklären, und wie er mit Respekt in menschlichen Beziehungen zusammenhängt?
In der Kampfkunst bedeutet ma-ai den sicheren Abstand, bei dem ein Angreifer Sie nicht leicht mit Händen oder Füßen erreichen kann. Ich fand heraus, dass Viele zu leicht in den Einflussbereich Anderer eindringen und sich dabei Gefahren aussetzen, auch Polizisten, die es eigentlich besser wissen müssten. Wenn Sie im richtigen Abstand stehen, haben Sie immer Zeit, dem Angriff auszuweichen oder den Angreifer zu entwaffnen. Aber wenn Sie zu nahe dran sind, können Sie sich nicht einmal vor einem Baby schützen, dass Sie im Gesicht kratzt. Im täglichen Leben bedeutet ma-ai, niemanden zu zu verwunden oder zu verletzen, mit Worten oder mit Taten. Selbst wenn Sie mit Ihrem Nachbarn gerade gut auskommen, wenn Sie den Zaun zwischen Ihnen entfernen, kann das Konflikte hervorrufen. "Gute Zäune machen gute Nachbarn". Ma-ai bedeutet den Raum und das Eigentum des Anderen zu respektieren. Wenn Sie aber den Geist vergessen und nur der Form folgen, haben Sie nur ein leeres Ritual. Schüler sollten einen Lehrer dadurch respektieren, dass sie nach dem Besten suchen, was sie von ihm lernen können. Jeder kann etwas geben. Aber die Meisten neigen dazu, nach negativen Seiten zu suchen und sind schnell dabei mit Kritik und fehlendem Respekt. Die Leute denken heute zuerst an sich selbst und vergessen die Anderen. Das ist ein grundlegender Fehler. Gegenseitiger Respekt ist das einzig Richtige.

Sie sagen, Amerikaner sind gut bei der Frage nach dem Warum, aber sie setzen es nicht gut in die Praxis um, Japaner dagegen sind in der Praxis sehr gut, aber fragen nicht nach. Wie können wir das Beste von Beidem verwirklichen?
Ich war in letzter Zeit nicht lange in Amerika, daher kann ich nicht sagen, ob sich etwas geändert hat, aber in Japan hat es sich verschlechtert. Die Japaner fragen immer noch nicht nach dem Warum, aber sie üben jetzt noch nicht einmal. In der Vergangenheit arbeiteten sie sehr hart, aber jetzt sind die Japaner sehr faul geworden. Sie erwarten, dass alles für sie gemacht wird. Es gab vor einigen Jahren ein Buch, in dem die Japaner und die Juden verglichen wurden, wegen des harten Arbeitens und des geschäftlichen Erfolgs. In Europa erzählte man mir, dass es eine Gruppe in der Welt gäbe, die weithin als unsympathisch galt. Wer? Die Japaner! Nicht erstaunlich, wenn man sich die Aussagen unserer Politiker anschaut, die eher für sich selbst arbeiten, als für die Menschen, die sie repräsentieren.

Viele Dinge lassen sich heute ohne Handbuch nicht verstehen oder bedienen, aber viele junge Japaner sind so abhängig von Anleitungen, dass sie ohne diese nicht denken oder keine Entscheidungen treffen können. Wie lehren Sie die Menschen, Regeln flexibel anzuwenden?
Nur die Grundlagen sollten in einem Handbuch beschrieben werden. Sie brauchen keine übermäßigen Erklärungen, lediglich klare Anweisungen, wie etwas gemacht werden muss. Leute, die sich mehr für Erklärungen als für Taten interessieren, sind häufig nicht in der Lage, jemandem eine simple Aufgabe zu erklären. Ich hörte die Geschichte von einigen Leuten in Maui, die Nägel in eine Säule schlagen sollten, um sie auf der Standfläche zu befestigen. Sie machten, was man ihnen gesagt hatte, aber da ihnen niemand gezeigt hatte, wie man das macht, fiel die Säule gleich um, als sie fertig waren. Die Nägel waren nicht bis in den Boden durchgedrungen. Das Wichtigste in der Ausbildung ist die Praxis. Wir lernen am Besten, wenn wir es tun, nicht durch Bücher.

KAMPFKÜNSTE IN DER GESELLSCHAFT

Japans Bevölkerung altert schnell, wie auch in anderen entwickelten Industrienationen. Was für eine Zukunft bringt uns das und wie können wir uns am Besten darauf einstellen?
Die beste Vorbereitung auf die Zukunft ist, nicht krank zu werden. Es gibt keine bessere Investition als die Gesundheit und die geistige Klarheit zu erhalten. Zu viele Leute werden heute mit 50 oder 60 senil, kurz nach der Pensionierung. Das kommt von einer passiven und sitzenden Lebensführung. Noch sieht man auch wesentlich ältere Leute, die noch jeden Tag arbeiten, im Garten oder in der Gemeinschaft. Das chinesische Schriftzeichen für "arbeiten" (jap. hataraku) wird mit einem Symbol geschrieben, das eine "sich bewegende Person" bedeutet.
Wir müssen in Bewegung bleiben oder, wie man sagt "use it or lose it" (benutze es oder verliere es). Wenn Sie zu passiv sind und erwarten, dass man sich um Sie kümmert, werden Sie soweit kommen, dass man sich um sie kümmern muss. Die Leute feiern wenn jemand hundert Jahre alt wird, aber warum machen sie es nicht so wie diese Person, um auch hundert zu werden? Die Regierung versucht mehr Einrichtungen für ältere Menschen zu bauen. Das ist der falsche Ansatz. Ältere Menschen sollten ermutigt werden zu arbeiten und gerne aktiv zu bleiben. Das Problem ist, dass die Leute nicht arbeiten wollen, wenn sie kein Geld dafür bekommen. Wer braucht Geld, wenn das was er tut, gut für ihn selbst ist und auch noch gut für Andere? Jeder kann Anderen helfen. Jeder kann etwas leisten. Dass man arbeitet, ist natürlich. Junge Leute sollten mehr Selbstdisziplin entwickeln, oder sie werden frühzeitig krank und senil.

Zwei Probleme, die die Gesellschaft heute plagen, sind das chronische Ermüdungssyndrom (CFS=Chronic Fatique Syndrome) und die AD Krankheit (ADD=Attention Deficit Disorder). Sie werden üblicherweise mit Medikamenten behandelt. Gibt es eine bessere Lösung?
Es ist ein großer Fehler diese Probleme medikamentös zu behandeln. Das überdeckt nur die Symptome und die Probleme werden schlimmer, ohne dass man sie sieht. Der Grund für Ermüdung und fehlende Aufmerksamkeit ist, dass etwas in der mentalen Einstellung oder den körperlichen Gewohnheiten gegen die Natur geht. Wenn man sich zwingt, unnatürlich zu leben, wird das folgerichtig zu Ermüdung führen. Man kann das Problem nicht künstlich mit Medikamenten lösen. Das macht es nur schlimmer. Der Grund, wieso Kinder sich nicht konzentrieren können ist, dass die Eltern und die Lehrer nicht wissen, wie sie es ihnen beibringen sollen, oder sie können sich selbst nicht konzentrieren. Fehlende Disziplin führt zu weiteren Problemen, die umso schwieriger in Ordnung zu bringen sind, je länger es dauert.

Es gibt ein gesteigertes Interesse an Wellness (Wohlfühlen) und Vorbeugung unter den Ärzten, und es gibt auch Alternativen zu Medikamenten und medizinischen Eingriffen. Zwar sind Ärzte dauernd beschäftigt und haben kaum Zeit diese Ansätze zu studieren, noch weniger können sie sagen welche es wert sind, untersucht zu werden. Was können wir aber tun, damit bei Medizinern und den Profis im Gesundheitswesen die positiven Auswirkungen von Ki und Kiatsu erkannt werden?
Wenn jemand so sehr beschäftigt ist, dass er Wichtiges nicht mehr erledigen kann, muss er erst ein Mal lernen zu entspannen. Tatsächlich sind sie nicht so fleißig wie sie denken. Sie machen es sich selbst vor, sich geschäftig zu fühlen, so zu tun und dass es so aussieht. Jemand von dieser Sorte Person brauchte 20 Minuten, um mir zu erklären, wie beschäftig er sei, während dieser Zeit rauchte er eine Zigarette nach der anderen, bis ein halber Aschenbecher voll war. Ich sagte ihm, wenn er so viel Zeit zum Rauchen habe, müsse er auch Zeit für wichtigere Dinge haben. Die Leute verlieren das Gespür dafür, was wichtig ist. Wenn sogar der Arzt so unter Stress steht, dass er nicht ohne Tabletten schlafen kann, dann ist es wirklich Zeit, andere Wege zur Gesundheit zu betrachten!

Ein großes Problem in Amerika ist heute das Prozessieren. Die Leute klagen gegen Andere wegen wirklicher oder vermeintlicher Missstände und es ist ein großes Geschäft für die Rechtsanwälte. Kampfkunst-Dojos sind nicht immun und die Versicherungen bieten keinen hundertprozentigen Schutz. Wie kann man sich gegen Klagen schützen?
Als Erstes, wenn der Lehrer volle geistige Präsenz hält während er unterrichtet, lassen sich die meisten Unfälle im Dojo vermeiden. Wenn die Beziehungen zwischen den Schülern in Ordnung sind, wird niemand klagen. Ich empfehle meinen Lehrern auch, dass sie Kiatsu lernen. Wenn ein Schüler sich verletzt, der Lehrer sich richtig um ihn kümmert und das Problem mit Kiatsu heilt, wird der Schüler nie klagen. Probleme vor Gericht sind häufig die Oberfläche von tiefer liegenden. Ich habe von Leuten gehört, die zu Unrecht im Berufsleben angeklagt wurden und dann den Fall durch eine Kombination von reinem Gewissen und einem Sinn für Rechtschaffenheit unter Druck gewinnen konnten.

Gewalt war schon immer Teil unserer Gesellschaft, aber in letzter Zeit ist sie zu einer wirklichen Bedrohung an den Schulen geworden. Schon Kinder unter 10 Jahren haben Gewehre in den Händen. Was können Eltern und Lehrer tun, um ihre Kinder und sich selbst zu schützen?
Zuerst einmal erzeugt man große Probleme, wenn man es zu leicht für die Leute macht, Gewehre zu kaufen, und wenn man Kinder zu leicht an sie heran lässt. Der größte Nutzen im Training für die Kinder ist Selbstkontrolle und Selbstdisziplin. Es gibt nichts gefährlicheres als ein gereiztes Kind. Sogar die japanischen Yakuza (Mafia) werden selten jemanden verletzen, selbst wenn sie es androhen, weil sie aus Erfahrung wissen, welche Konsequenzen das hat. Kinder beachten keine Konsequenzen, und wenn sie außer Kontrolle geraten, und gereizt sind, sind sie zu allem fähig. Am Besten trainieren Kinder und Eltern zusammen, so dass jeder versteht, wie wichtig gegenseitiger Respekt ist.

VERBRECHEN UND GERECHTIGKEIT

Was denken Sie über die Film-Genres Western- und Samurai-Film?
Mir gefallen sie, weil sie leicht zu verstehen sind, eine Form reiner Unterhaltung, eine gute Show. In den alten Samurai Filmen kann man die Guten von den Bösen leicht unterscheiden, anders als in vielen modernen Filmen, wo der Plot unklar ist, die Bösen gewinnen, und die Personen mit Verbrechen und ohne Konsequenzen davon kommen. Ich schaue mir Samurai-Filme aus dem gleichen Grund gerne an wie Kabuki. Man kann sofort sagen, ob jemand in Einheit von Geist und Körper agiert und es ist schön, dabei zu zu schauen. Wenn sie es nicht so spielen, wechsle ich den Kanal. Früher habe ich Western angeschaut, aber jetzt nicht mehr. Die neueren habe unstimmige Plots und nicht überzeugende Charaktere. Der gefangene Böse entkommt plötzlich ohne irgendeine Anstrengung. Der Held gewinnt mit seinen guten Blicken!

Sie haben Ki-Aikido bei der Polizei, dem FBI und dem Geheimdienst unterrichtet. Wie sollten sie eine gefährliche Person beruhigen oder festhalten, oder jemanden der unter Drogen steht und außer Kontrolle gerät?
Wenn jemand gefährlich ist, unter Drogen steht oder außer Kontrolle gerät, muss man ihn auf jeden Fall gewaltsam festnehmen. Sie sind zeitweilig von Sinnen, daher ist es sinnlos über Menschenrechte zu diskutieren. Wenn sie andere gefährden, müssen sie festgenommen werden. Wenn sie wieder bei Sinnen sind, sieht man weiter.

DIE AUGEN ALS FENSTER ZU SEELE

In einem Meisterwerk wie dem Porträt der Mona Lisa von Leonardo da Vinci scheinen mich die Augen dauernd anzusehen, auch wenn ich mich im Raum bewege. Das habe ich bei Ihrer Fotografie im Dojo auch bemerkt. Wie entwickelt man eine so weites Sehfeld?
Das ist ganz normal, da die Augen, das reflektieren, was man sieht. Wenn man auf etwas starrt, verspannt man sich im Gesicht und verengt das Sehfeld. Sanfte Augen nehmen alles auf. Es ist nichts Besonderes, nur die natürliche Folge von entspanntem Sehen. Im Sport bekommen die Leute ein falsches Konzept, wenn es heißt: "mit den Augen am Ball bleiben". Das ist ein gute Methode, ihn zu verfehlen. Wenn man die Augen entspannt, können sie viel breiter sehen, und der Körper macht den Rest.

Sie sprechen darüber, wie wichtig es ist schnell und überfliegend zu lesen, um geistige Beweglichkeit zu entwickeln. Können Sie erklären, wie man das machen muss?
Natürlich ist das eine gute Idee, und eine grundlegende Fähigkeit, die in der Schule gelernt werden sollte. Heute sind mehr Bücher als je zuvor auf dem Markt, aber nicht viele, die lesenswert sind. Wenn Sie wirklich jedes Buch lesen, ist das eine ernste Zeitverschwendung. Schnell-Lesen, oder die Seiten mit den Augen überfliegen ist eine gute Methode, den Inhalt schnell zu erfassen. Wenn es wirklich etwas wert ist, kann man zurückblättern und es noch ein Mal lesen, um das aufzunehmen, was man braucht.

Wie kann man mit dem Rauchen aufhören oder schlank werden?
Ich unterrichte eine Methode, die ich von meinem Lehrer Tempu Nakamura gelernt habe, und die ich ausführlich in meinem Buch "Ki im täglichen Leben" beschreibe. Die Grundidee besteht darin, einen Spiegel zu benutzen, um sich selbst eine starke Affirmation zu geben, ehe man schlafen geht. Das sinkt in das Unterbewusstsein und arbeitet während man schläft wie auch am Tag, um einem beim Ablegen einer schlechten Gewohnheit zu helfen oder sich eine gute anzueignen. Viele Menschen versuchen mit Affirmationen zu arbeiten, haben aber keinen Erfolg, weil sie die Worte "Ich bin ..." benutzen, ohne es im Unterbewussten auch zu glauben. Es ist besser in den Spiegel zu schauen und sich selbst zu befehlen, als ob es jemand anderes wäre. "Du bist ..." Damit der Erfolg sich einstellt, muss man auch Ausdauer haben, nicht einfach nach ein oder zwei Versuchen aufgeben. Es braucht seine Zeit, etwas im Unterbewusstsein zu ändern, was sich im Laufe vieler Jahre aufgebaut hat. Man sollte das jeden Abend tun, ehe man zu Bett geht, und dann auch sofort zu Bett gehen ohne irgendwelche Ablenkungen. Sagen Sie sich selbst in den Spiegel: "Du hasst Tabak!" Allmählich kommt dieser Gedanke ins Bewusstsein, jedes Mal wenn Sie nach einer Zigarette greifen und mit der Zeit verlieren Sie das Interesse. Es ist wichtig, sich auf eine einzige Änderung zu beschränken, nicht mehrere parallel zu betreiben. Eine eingefahrene Gewohnheit zu ändern mag 6 Monate dauern, oft aber weniger. So lange Sie etwas mögen, ist es nicht einfach, diese Gewohnheit abzulegen. Allmählich können Sie sich immer besser selbst kontrollieren und eine schlechte Gewohnheit schneller reparieren, sogar momentan. Versuchungen werden Sie nicht so leicht gegen Ihren Willen lenken. Ich habe Jahre lang geraucht, aber als ich mich entschied, damit aufzuhören, überzeugte ich mich selbst, dass ich es wirklich nicht mochte, dann war es einfach mit dem Rauchen aufzuhören. Der gleiche Ansatz funktioniert bei anderen Gewohnheiten genauso.

BUDO UND DIE SCHAUSPIEL-KÜNSTE

Sie haben Budo als Kampfkunst mit Budo als Tanz verglichen. Was haben Kampfkünste und Tanz gemeinsam? Wieso sind manche Menschen von jedem Blickwinkel aus fotogen?
Traditionell werden in Japan Tanz und die Kampfkünste als Einheit betrachtet. Das Schriftzeichen wird anders geschrieben, aber die Aussprache ist dieselbe: Budo. Ein Meister-Tänzer oder Schauspieler füllt die Bühne mit der Anwesenheit von Ki. Er schaut nicht ins Publikum, weil er ganz in seiner Rolle aufgeht. Er vergisst sein gewöhnliches Selbst, und das Publikum ist gefangen. Das kann man nur vollbringen, wenn Geist und Körper eins sind. Wenn Sie Ki fließen lassen, sind sie von jedem Blickwinkel aus fotogen. Es ist das sichtbare Gegenstück dazu, dass Sie nirgendwo offen für einen Angriff sind.

Was ist der Unterschied zwischen Sport und Kampfkunst?
Der chinesische Meister Sun Tzu, der das klassische Werk über "Die Kriegskunst" geschrieben hat, sprach über drei Wege zum Sieg. Der niederste Weg ist Kämpfen, während der höchste Weg, der Sieg ohne Kampf ist. Viele Sportarten sind den unteren Weg des Kämpfens gegangen. Sie geben Lippenbekenntnisse auf die Sportlerehre ab, aber innerlich denken sie, dass gewinnen wichtiger ist als die Art wie man spielt.
Manche Kampfkünste werden auch wie Sport ohne Sportlerehre ausgeübt. Der höhere Weg ist der Sieg ohne Kampf. Die wahre Bedeutung des Schriftzeichens für Bu ist "den Speer stoppen", zu gewinnen, ohne die Hand zu erheben, ohne Kampf. Wie ich erläutert habe ist das der Weg, den wir bei dem Taigi-Wettbewerb beschreiten, und das kann auch im täglichen Leben funktionieren. Wir müssen auf die Grundlagen schauen und nicht bloß für die Show üben.

Benötigt man eine hohe Graduierung in Aikido, wenn man Ki in anderen Bereichen einsetzen will, wie z.B. in der Musik, im Schauspiel oder im Geschäftsleben? Wie sollte man üben, damit man unter Druck auch bestehen kann?
Die Einheit von Geist und Körper funktioniert im Theater und im Tanz, und in allen darstellenden Künsten. Die Leute bekommen Probleme beim Vorführen, wenn sie oberflächlich üben und dann erwarten, dass sie beim Vorführen ihr Bestes zeigen. Ich traf einst einen Meister der traditionellen japanischen Flöte, Hyakonosuke Fukuhara, der mich darum bat, ihm zu zeigen, wie er in der Aufführung Körper und Geist vereinigen könne. Ich bat ihn die Flöte so zu halten, als ob er einen Auftritt habe, und als ich ihn unerwartet testete, kippte er gleich um. Er bat um einen weiteren Versuch, und dieses Mal versetzte er sich ernsthaft in einen Zustand wie beim Spielen auf der Bühne, obwohl er keine Flöte in den Händen hielt. Dieses Mal bestand er den Test und er war so fest wie ein Baum. Er wusste schon wie er Körper und Geist vereinen konnte, aber nur beim ernsthaften Üben oder beim Auftritt. Ein wirklicher Meister ist jemand, der das jederzeit kann. Der Auftritt auf der Bühne spiegelt das tägliche Üben. Daher lehre ich meine Schüler, das Holzschwert so zu behandeln, als sei es ein wirkliches scharfes Schwert. Wenn Sie so üben, dann können Sie auch dann noch ruhig bleiben, wenn Ihr Gegen ein wirkliches Schwert hält, Sie können es gelassen betrachten als ob es ein Holzschwert wäre.

HEMMSCHWELLEN UND MÖGLICHKEITEN KI ZU LERNEN

Viele Leute, die gerne nach Japan kämen, um Ki-Aikido oder Kiatsu zu lernen im Hauptzentrum zu lernen, können einfach nicht die Zeit und die Mittel aufbringen, zwei Jahre im Beruf auszusetzen, nach Japan zu fahren und die Sprache zu lernen. Welche Alternativen haben sie, wenn kein Dojo in der Nähe ist?
Es gibt viele Ki-Aikido-Dojos in der Welt. Wir entwickeln auch einen Lernkurs auf Video für zu Hause, wobei die Leute zu Hause oder in einer Gruppe mit Freunden lernen können. Sie können dann zwei Mal im Jahr für 4 Tage ins Hauptzentrum zu einem Seminar kommen, um ihre Fortschritte zu prüfen. Obwohl das länger dauern kann als ein intensives Lernen vor Ort, haben wir herausgefunden, dass für einen ernsthaften Schüler die Zeit nicht der wichtigste Punkt in seiner Entwicklung ist. Ich kann mich an eine Gruppe von fünf Schülern vor den Zeiten des Video erinnern, die zusammenkamen und mein Buch als Trainingsgrundlage nahmen. Sie wechselten sich ab. Einer las die Techniken Schritt für Schritt vor, die anderen vier übten paarweise. Als ich sie sah, war ich erstaunt, wie gut sie es konnten, obwohl sie keinen Lehrer hatten. Das Wichtigste ist der starke Wunsch zu lernen, gutes Lernmaterial, und die Möglichkeit, dass eine fortgeschrittene Person die Lernfortschritte regelmäßig prüft. Selbst unter suboptimalen Bedingungen kann man bessere Fortschritte machen als jemand der jeden Tag herum hängt und nicht die richtige Einstellung zum Lernen hat.

Manche Leute im Westen wollen kein Aikido oder eine andere Kampfkunst praktizieren, weil es mit ihren religiösen Überzeugungen kollidieren könnte. Aikido wurde vom Shinto und vom Buddhismus beeinflusst. Muss man solchen Glaubenseinstellungen folgen, wenn man Aikido ausüben will?
Sich verbeugen ist eine östliche Tradition. Es bedeutet ursprünglich, Respekt zu zeigen. Wir beten keine Götzen an und wir praktizieren keinen religiösen Kult. Wir verbeugen uns vor dem gemalten Schriftzeichen für Ki an der Wand des Dojo, weil wir damit den Respekt vor dem Universum ausdrücken. Wir verbeugen uns dann vor dem Lehrer und gegenseitig aus dem gleichen Grund. Das Symbol ist nicht wichtig. Sie grüßen die Flagge, um den Respekt vor Gott und dem Vaterland zu zeigen, und vor den Kameraden. Es ist keine eingeschränkte Form des Respekts, die dem Einen gilt und nicht dem Anderen. Das Wichtige ist, Respekt vor dem ganzen Leben im Universum in all seinen Formen zu zeigen.

DIE GENERATIONENKLUFT ÜBERBRÜCKEN

Sie bereiten Ihren Sohn darauf vor, dass er Ihr Werk fortsetzt. Was ist ähnlich, was ist anders in den Herausforderungen, denen er entgegensieht, verglichen mit denen, die Sie in seinem Alter vorfanden?
Mein Sohn Shinichi hat den Vorteil, dass er auf meinen Schultern stehend  anfangen kann. Er muss es nicht neu herausfinden oder zusammenstückeln von diesem oder jenem wie ich das musste. Ein anderer Unterschied ist, dass Japan in Krieg war, als ich so alt war wie er jetzt. Es wurde einem nichts geschenkt. Man musste sich selbst durchschlagen. Nichts gab es ohne Mühen, auch im Training nicht.
Andererseits wurde nichts klar erklärt und es gab viele sinnlose traditionelle Wege, die in die Irre führten. In seiner Generation bekam man alles, ohne dafür kämpfen zu müssen. Aber wenn er eine genauso starke Motivation hat, kann er in 5 Jahren erreichen, wozu ich 20 Jahre brauchte, einfach weil der Unterricht eine hohes Niveau erreicht hat. Man muss nicht mehr so viel ausprobieren und nicht mehr so viele falsche Wege im Training gehen.

WAKA SENSEI (Shinichi Tohei Sensei)

Waka Sensei, welche Herausforderung scheint Ihnen die größte, wenn Sie die Arbeit Ihres Vaters fortführen?
Waka Sensei: Ich denke eine meiner größten Herausforderungen ist es, einen klaren Willen zu entwickeln, der meiner Generation fehlt, weil uns alles geschenkt wurde. Es ist richtig, dass der Weg aufgeräumt ist, aber weil wir das nicht selbst getan haben, fehlt uns die Motivation, die man braucht, um den Weg wirklich weiter zu gehen. Meine Generation wird Japan durch die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts führen. Bisher sind wir bequem aufgewachsen und abhängig von Maschinen und Elektronik. Wir haben viel zur Auswahl, aber kaum ein Ziel. Wie mein Vater muss ich Wege finden, die Menschen fürs Üben zu interessieren, um sie die Einheit von Geist und Körper zu lehren und sich den kommenden Herausforderungen zu stellen. Es gibt ein Sprichwort "Fueki Ryuko", das bedeutet, dass das Leben sich im Grunde nicht ändert, nur an der Oberfläche. Wie wir damit zu Recht kommen, die fundamentalen Wahrheiten in einer Welt, die sich ändert, zu bewahren, das ist die selbe Herausforderung, der wir uns auch beim Unterrichten stellen. Wegen der Wurzeln in der japanischen Kultur gibt uns Ki-Aikido die Möglichkeit, die Bedeutung wichtiger japanischer Traditionen wieder zu entdecken, die verloren waren, und das zu behalten, was wertvoll ist.

Sie sagen, dass viele traditionellen Aussagen und Konzepte in Japan für die jüngere Generation keinen Sinn mehr ergeben. Die Sprache und die Werte wandeln sich, aber wie überbrücken Sie die Generationenkluft im Ki-Unterricht?
Waka Sensei: Mein Vater wurde im Japan von 1920 geboren. Diese Welt war von der heutigen sehr verschieden und viele Wörter und Ausdrücke, die die Vorkriegsgeneration benutzte, werden heute nicht mehr gelehrt oder verstanden. Selbst unsere Sprache hat sich verändert. Viele aus der jüngeren Generation kennen keine Ideen, die von den chinesischen Klassikern stammen, und das macht es manchmal schwierig zu unterrichten. Deswegen arbeite ich mit meinem Vater daran, neue Wege zu finden, diese Ideen auszudrücken, neue Wörter und Beispiele, die für meine Generation Sinn ergeben aber immer noch mit den fundamentalen Wahrheiten übereinstimmen.

Computer haben aus zweierlei Gründen den Boom in den Kampfkünsten unterstützt: die schnelle Verbreitung von Informationen und deren Kommunikation über das Internet sowie den so genannten Techno-Stress, die Notwendigkeit einen Ausgleich zwischen Körper und Geist zu schaffen. In welcher Hinsicht, wünschen Sie sich, kann diese Website die Menschen in den Kampfkünsten unterstützen?
Waka Sensei: Elektronische Geräte haben unser Leben bequemer gemacht, aber wir sitzen jetzt auch mehr und hängen an der Bequemlichkeit. Ki-Aikido kann uns helfen das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist wieder herzustellen, und das ganze Leben fit und gesund zu bleiben. Das Internet erlaubt uns, sofort mit Leuten in der ganzen Welt zu kommunizieren. Das ist eine gute Sache und wir hoffen, dass es den Nutzen von Ki-Aikido auch denen bringen kann, die sonst nie davon erfahren hätten. Die Ki Society arbeitet noch an der englischen Version ihrer Website, aber zusätzlich zu den Büchern von Tohei Sensei gibt es außerhalb Japans viele Webseiten auf Englisch, wo man auch Informationen finden kann.
 

Deutsche Übersetzung: B. Boll 2002