Interview mit Bruno Maule nach dem Seminar in Haigerloch 2003:
Als Erstes möchte
ich mich für den Lehrgang bedanken. Das war jetzt schon der zweite bei
uns. Wir haben wichtige Sachen geübt, die Atmosphäre auf der Matte und
auch darüber hinaus war sehr gut und die vielen Aikidoka aus Italien und
der Schweiz sind eine Bereicherung für uns hier.
Ich danke dir auch für die Einladung. Es ist eine Ehre für mich hier
Lehrgänge halten zu können und es ist auch eine Bereicherung für mich und
die Schüler, die mit mir nach Deutschland gekommen sind.
Wie lange betreibst du schon Aikido? Wer sind deine
wichtigsten Lehrer?
Ich habe 1969 angefangen. Mein Lehrer war Umberto Tufo (leider lebt er
nicht mehr). Er war von kleiner Statur, also mit einem ziemlich tiefen
Schwerpunkt und eine sehr guten Standsicherheit. 1969 war Aikido etwas
Neues in Novara. Es gab nur ein Dojo. In den darauf folgenden Jahren hat
sich das technische Niveau durch die Teilnahme an Lehrgängen verschiedener
japanischer Meistern deutlich verbessert. 1975 habe ich meinen Dojo „Ronin“
in Novara gegründet und zusammen mit Freunden haben wir unseren Weg im
Aikido begonnen.
Hast du auch andere Kampfsportarten betrieben?
Ja, ich habe auch andere Kampfsportarten ausgeübt. Mit 12 Jahren habe ich
im Judo angefangen und habe diese Disziplin einige Jahre betrieben. Eines
Tages als ich spaßeshalber mit Freunden auf einem kleinen Strand des
Flusses Ticino boxte, fiel ich einem Zuschauer auf. Das war der Boxmeister
Fizzotti, er wollte mir das Boxen in seiner Schule beibringen. Ich habe
außerdem Karate ausgeübt, mit Freunden die ein Dojo suchten und die ich in
meines einlud. Mit ihnen habe ich lange Zeit trainiert. Alle diese
Erfahrungen haben mein Aikido sehr bereichert.
Wie bist du zum Ki-Aikido gekommen?
Ich habe Aikido im Aikikai angefangen, mit den Meistern Tada, Fujimoto,
Kawamukai und anderen. Aber ich war neugierig und wollte mehr über Aikido
wissen. Daher habe ich 1978 an einem Lehrgang von Meister Tohei in
Frankreich teilgenommen. Das Aikido von Meister Tohei hat mich sofort
begeistert, wegen seiner Eleganz, weil es so kraftvoll war, wegen der
Flüssigkeit der Bewegungen, was aber das besondere bei diesem Lehrer war,
waren sein Konzept von KI und auch die derart einfache Sprache, die er zur
Erklärung der Techniken benutzte. (Das hatte ich noch nie bei einem
anderen Lehrer bemerkt.) Ich habe also bei Meister Tohei erkannt, dass
dies der Aikidostil ist, den ich praktizieren wollte, damals habe ich mich
entschieden.
Wieso hast du dich gerade für Aikido entschieden und nicht für
irgendeine andere Kampfkunst.
Ich weiß nicht genau, aber ich glaube, die wichtigen Entscheidungen werden
von einer Kraft bestimmt, die von innen kommt, eine unwiderstehliche Kraft
wie die Liebe zum Beispiel. Man bemerkt sie in sich selbst und ich glaube
das genügt. So ist es mir mit dem Aikido gegangen.
Harmonie als Prinzip im Aikido und Kampfkunst klingt doch
eigentlich wie ein Widerspruch, wie lässt sich das vereinbaren?
Das Ausüben einer Kampfkunst gibt dem Individuum Kraft für seine
Persönlichkeit und stärkt seinen Geist. Wer sich in einer Kampfkunst übt
wird sich seiner körperlich-seelischen Fähigkeiten bewusst und schafft es,
Körper und Geist in einer einzigen Einheit zu verschmelzen. Das ist für
mich Harmonie. Deswegen ist für mich das Konzept von Harmonie kein
Widerspruch zur Kampfkunst oder zum Kampf, denn im Gegenteil, das
Individuum kehrt zu seinem eigentlichen Ursprung zurück. Und das
ermöglicht es auch, eins mit dem Universum zu sein.
Wieso sollte sich jemand für Aikido entscheiden, eine „exotische“
Kampfkunst aus Japan, und nicht lieber Handball oder Fußball spielen?
Ich denke, und das ist meine persönliche Meinung, dass sich jemand so
entscheiden sollte, weil Aikido die Verkörperung der Gewaltlosigkeit ist,
in vielen anderen Sportarten ist das nicht so. Im Aikido gibt es keine
Gewalt. Wer daran teilnimmt kann sofort feststellen, dass es weder beim
Ausführen der Techniken, noch in den Festhaltegriffen oder den Würfen
irgendeine Form von Gewalt gibt. Die Botschaft des Aikido ist die
Gewaltlosigkeit, der Respekt vor und die Liebe zu den Menschen und zu
allem. Aber ich glaube auch, dass man Aikido wählen sollte, um eine gute
Haltung zu bekommen, wegen der Atmung, der Konzentration, der Meditation,
um den Charakter zu formen, Vertrauen zu sich selbst lernen und die
Solidarität zu allen.
Wo findet sich Spiritualität im Aikido?
Die Spiritualität steckt nicht im Aikido aber Aikido kann für jemanden das
Mittel sein die Spiritualität zu erreichen. Ich weiß nicht, wo sich in uns
die Spiritualität befindet, aber ich glaube, dass diese Kraft, die aus
unserem Inneren kommt, uns fähig macht, zu handeln und unüberwindliche
Hindernisse zu bewältigen. Sie hilft dir, wenn du dich alleine fühlst, sie
gibt dir Kraft und Sicherheit. Die Spiritualität gibt dir auch die
Fähigkeit, deinen Schülern den Weg des Guten, eine positive Einstellung im
Leben, zu vermitteln. Ich glaube es gibt verschiedene Formen der
Spiritualität und jeder von uns findet sie sicher auf seinem Lebensweg.
Meine Erfahrung in dieser wichtigen Sache lässt mich an das Universum und
an den Menschen glauben. Wir haben große Fähigkeiten, weil wir Teil des
Ganzen sind, das gibt mir eine große Kraft des Willens und Spiritualität.
Muss man spirituell interessiert sein, um Aikido zu betreiben? Was
bringt einem Aikido, wenn man nicht spirituell ist?
Ich glaube, dass es anfangs unwichtig ist, ob man eine Ader für
Spiritualität hat oder nicht. Aber mit der Zeit und mit viel Übung findet
jeder für sich ein greifbares Zeichen, das er verstehen und wahrnehmen
muss. Man muss selbst an das glauben, was man tut, sonst ist alles unnütz.
So wird sich die Spiritualität im täglichen Leben zeigen.
Wie lange muss man üben, bis Aikido einen praktischen Nutzen im
täglichen Leben bringt?
Ich kann nur über meine eigenen Erfahrungen sprechen: Wenn man ein
Ergebnis bemerkt, bemerkt man gleich darauf ein weiteres, und wieder ein
anderes und so weiter. Daher ist die Antwort: Das ganze Leben lang.
Worin besteht der Sinn der Stock- und Schwerttechniken im Aikido?
Aikido leitet sich aus den Angriffstechniken mit Stock und Schwert ab. Die
körperliche Kraft hilft im Falle eines Angriffes durch solche Waffen
nichts. Im Gegenteil, der Geist muss ruhig sein, der Körper stark aber
nicht starr, Genauigkeit bei der Ausführung und hohe Wirksamkeit. Ki
Aikido ist genau dies, das ganze Übung im Dojo soll den Körper und den
Geist zu einer einzigen Einheit verschmelzen. Es entwickelt sich die
Wahrnehmung, wenn der Angriff mit den Waffen kommt, muss er im Entstehen
gestoppt werden. Diesen Moment erfasst der Geist und der Körper ist das
Mittel, um den Angriff zu neutralisieren. Für diese Arten von Angriff ist
Aikido entwickelt worden. So verstehen wir die Bedeutung von Jo und Bokken.
Ist Aikido eine Selbstverteidigungskunst?
Was bedeutet Selbstverteidigung? Wenn ich mich verteidigen will laufe ich
mit einer Pistole herum, aber sich zu bewaffnen bedeutet, dass man Angst
hat und kein Vertrauen in sich selbst. Aikido gibt dir Vertrauen in dich
selbst, so gesehen ist es eine Selbstverteidigung. Jeder, der in eine
gefährliche Situation gerät, verteidigt sich, auch auf sehr wirksame
Weise, wenn er keine Kampkunst betreibt. Aikido gibt dir jedenfalls eine
ganze Menge Techniken zur Auswahl, dich auf vielfältige Weise zu
verteidigen. (Diese Einschätzung beruht auf eigenen Erfahrungen.)
Morihei Ueshiba gilt allgemein als Begründer des Aikido. Nach
seinem Ableben sind viele unterschiedliche Schulen entstanden. Siehst du
mehr Gemeinsamkeiten oder eher deutliche Unterschiede?
Nach dem Tod von Meister Ueshiba haben viele seiner Schüler eigene Schulen
eröffnet und den Unterricht nach ihrem Charakter, Stil und ihren
Fähigkeiten gestaltet. Das hat sicher alles zur Entwicklung des Aikido
beigetragen und das Aikido-Niveau in der Welt erhöht. Ich sehe keinen
großen Unterschied in der Art der verschiedenen Schulen, es ist immer
Aikido. Es wäre schön, sich eines Tages zu treffen, um gemeinsam zu üben,
um die eigenen Erfahrungen an die anderen weiterzugeben, die Kenntnisse
und die Fähigkeiten. Fürs Aikido wäre das sicher ein großer Schritt nach
vorne.
Als Lehrer unterrichtest du hauptsächlich in Italien gibst aber auch
Lehrgänge in der Schweiz, Frankreich und Deutschland. Sind dir dabei
irgendwelche landesspezifischen Dinge im Aikido aufgefallen?
Wenn ich Seminare in Italien oder im Ausland leite, ist der einzige
Unterschied, den ich bemerke, die Sprache. Die Art zu üben ist die gleiche.
Es gibt kleinere Unterschiede, die sehe ich, wenn zu meinen Seminaren
Schüler anderer Schulen kommen, ich bemerke es daran, wie sie sich bewegen.
Aber das ist kein großes Problem.
Mit dem Solidaritätsfond hast du eine Initiative gestartet, die es
mehr Aikidoka ermöglichen soll, preiswert an vielen Lehrgängen
teilzunehmen. Siehst du dabei eine Gefahr, dass Aikidolehrer, die von
ihrem Unterricht leben, geringere Einnahmen befürchten müssen?
Als ich die Idee zum Solidaritätsfonds hatte, war ich mir bewusst, dass
dies bei den professionellen Lehrern Feindseligkeiten erzeugen könnte.
Wahre Profis müssen meine Konkurrenz nicht fürchten, sicherlich haben die
Schüler, die beim Solidaritätsfond teilnehmen, eine Ersparnis und können
an mehr Seminaren von ihnen teilnehmen. Aber für mich ist ihr Urteil nicht
wichtig. Wenn Aikido Harmonie, Liebe, Freundschaft und Solidarität
bedeutet, dann fühle ich mich im Recht, weil ich an das glaube, was ich
tue.
In Deutschland gibt es z.B. keine eigene Dachorganisation der
Aikido-Dojos in der Ki no Kenkyukai Internationale. Soweit ich weiß, ist
das in Italien etwas anders. Ist eine formale Organisation für Dojos
wichtig?
Nein, eine formale Dach-Organisation für die Dojo ist nicht wichtig. Es
ist wichtig, dass die Dojo untereinander zusammen arbeiten, um das Ki
Aikido zu organisieren und zu verbreiten. Jedes Dojo muss selbstständig
sein aber mit den anderen Dojo zusammenarbeiten und eine Gruppe von
unabhängigen Dojo zu bilden, die aber einig sind, gemeinsam zu üben, zu
wachsen und zu organisieren.
Der Solidaritätsfond ist ja schon eine organisatorische
Zusammenfassung. Denkst du, dass sich daraus mehr entwickeln wird?
Zweifellos wird sich unser Fonds beachtlich weiter entwickeln. Es ist nur
eine Frage der Zeit. Im Moment denken viele, dass diese Initiative etwas
Unklares enthält. Aber wenn sie sehen und verstehen, dass das der Fond
lediglich für die Solidarität im Aikido gegründet wurde, werden auch sie
kommen und an unserer großen Familie teilhaben.
Wann kommst du zum nächsten Lehrgang nach Owingen und Haigerloch?
Ich werde immer kommen, wenn du mich darum bittest und mein Zeitplan es
zulässt.
Ich danke dir für das Gespräch.
Ich danke dir auch für das Interview.