Prag November 2019

Seminar mit Bernhard Boll

Erst die Praxis - dann die Theorie

Theorie hilft und steht hinter allem, ersetzt aber nicht die Praxis. Es gibt zwei Möglichkeiten zu praktizieren: Mit der Theorie beginnen und dann entsprechend deduktiv üben oder mit der Praxis anfangen (Situationen, Rahmenbedingungen) und die Theorie entwickeln, basierend auf der eigenen Praxis. Mit dem eigenen Üben kann die Theorie aufgestellt, hnterfragt und verbessert werden, was während des Seminars betont wurde. Die Wichtigkeit der Selbstfindung und des Forschens (was sich auch im Namen Ki no Kenkyukai widerspiegelt) wird von Shihan Boll und dem Seminarorganisator Hayek Sensei auch mit dem offenen Format des Seminars deutlich umgesetzt.

Seitdem ich Hayek Sensei 2010 an einem Sommerseminar in den Schweizer Bergen kennengelernt habe und 2013 nach Wien gezogen bin, ist Prag, genauer gesagt der südliche Bezirk von Libuš, ein steter und besonderer Ort des Lernens und Übens geworden.
Klub Junior ist ein Gemeindezentrum und eine Schule im Zentrum eines Vororts der aus grossen Wohnblocks im Sinne kommunistischer Stadtplanung besteht. Die Gegend ist an den Wochenenden der Seminare ruhig. Die zuvorkommende und grosszügige Art von Hayek Sensei ist gepaart mit der Begeisterung der Schulleiterin Pani Vankova, die uns herzlich begrüsste und uns ein Schlafquartier zur Verfügung stellt. Sie trägt auch oft zu dem sonntäglichen Tatami-Picknick mit den besten Kartoffelpuffern (Bramboracky), die man sich vorstellen kann, bei. Diesmal bereitete sie sich auf eine Operation vor und konnte leider nicht teilnehmen.
Hier ist eine überschaubare familiäre Atmosphäre entstanden, seit die jährlichen Seminare mit Anne und Bernhard vor einigen Jahren (2012/2013) begannen. Diesmal hat es neben den Libuš-Studenten (Jana, Mikulas, Theresa, Sabi) auch ein Stammkontingent aus Nürnberg geschafft (Christian, Claudia).

The group

Intensives Üben

Wir sind mit Verspätung mit dem Regiojet aus Wien angereist, haben es aber noch pünktlich zur Eröffnung des Freitagabendtrainings um 20 Uhr geschafft. Nach Kenkotaiso wurden wir sofort mit Zagi Handachi auf die Probe gestellt, was detailliert untersucht wurde. Es ist kaum zu beschreiben, wie diese Beziehung und wie diese Übung funktionieren. Wie er sagte, gibt es nichts Wichtigeres als Übung. Zur Vereinfachung wurde eine doch ganz interessante Anspielung auf die Weisheit von T'ai Chi und die "drei Arten von Händen" gemacht:

  1. dumme Hände - nutzlose Kraft und Widerstand
  2. intelligente Hände - Führen ohne Zwang
  3. magische Hände - höchster Ausdruck von Ki
Die Beanspruchung war den ganzen Abend auf hohem Niveau, wir übten Tsuzukiwaza 4 (Ryotedori).

Bernhard erarbeitete meisterhaft und demonstrierte technisch eine Vielzahl von Kampfformen und -theorien, ohne dabei die Lehren von Doshu zu vernachlässigen. Er begann vor vielen Jahrzehnten mit „Ki-Jutsu“ und praktizierte Aikido im Deutschen Aikido Bund, bevor er sein eigenes Dojo innerhalb von Shin Shin Toitsu Aikido und Ki No Kenkyukai gründen konnte. Diese vielfältige Erfahrung ist fruchtbar für das Verständnis der gegenwärtigen Unterscheidungen und Entwicklungen von "Aikido im Dojo" und "Aikido im wirklichen Leben". Kurze Schocks von Realismus für alle Uke sind selbstverständlich und immer lehrreich und gut gemeint. Momente des Humors und der Heiterkeit sind zweckmäßig und häufig. Dazu passt auch, dass das Mittagessen am Samstag traditionell in einer nahe gelegenen Gaststätte mit dem Namen "Göttliche Komödie" stattfindet.
Das Programm umfasste auch Tsuzukiwaza 1 und 2, Bokken 1, Bokken mit Jo 1 und Kenkodo.

Wir hoffen, Bernhard und Yvette im Februar in seinem ehemaligen Dojo in Hechingen wiederzusehen; der Termin steht momentan noch nicht fest. Vielen Dank an Dojo Libuš für die Organisation eines weiteren Seminars!
Ryan Jepson - Ki, Aikido und Gesundheit  Wien