Balerna Oktober 2019

Seminar mit Doshu Yoshigasaki

Doshu Yoshigasaki

Vom 18. bis 20. Oktober 2019 fand das alljährliche Aikidoseminar mit Doshu Yoshigasaki in Balerna (CH) statt. Am Freitagabend waren schon ca. 40 Aikidoka auf der Matte, hauptsächlich aus Balerna und von Dojos aus dem nahen Italien. Im Laufe des Wochenendes wurden es dann insgesamt 60 Teilnehmer. Yoshigasaki Sensei nahm sich als Hauptthema des Abends die Aikitaiso vor, auch im Hinblick auf die für den folgenden Tag anstehenden Danprüfungen. Über die Ki-Tests zu den Übungen im Aikitaiso kam er immer wieder zu elementaren Bewegungen der Selbstverteidigung, die entsprechend den friedlichen Prinzipien des Aikido in realen Situationen eingesetzt werden können. Das normale Aikidotraining entwickelt die körperlichen und mentalen Fähigkeiten, die dann bei Bedarf eingesetzt werden können. So bleibt Aikido ein Weg (japanisch: DO) zur persönlichen Weiterentwicklung - auf körperlichem und geistigem Niveau, sowie auch philosophisch - und bietet dazu die Möglichkeit, die erlernten Fähigkeiten zur Selbstverteidigung einzusetzen, was für viele ein wichtiger praktischer Aspekt ist. Nach dem Training gab es auf der Bühne der Turnhalle ein gemeinsames Abendessen, das von Aikido Balerna gesponsert war. Es gab leckere vietnamesische Gerichte.

Fotos vom Seminar

und den Prüfungen

Graduierungen

Bei diesem Lehrgang erhielten vier Aikido des Dojo Balerna Graduierungsurkunden vom Doshu überreicht: Alessio Negro SHODEN, Michele Cassina SHODEN, Govert Erkelens 2. DAN und Bernhard Boll 6. DAN. Am Samstag unterrichtete Doshu Yoshigasaki hauptsächlich Techniken aus dem Programm des 4. Dan: Die komplette Hitoriwaza, die anspruchsvollen Tsuzukiwaza mit Schwert Kumitachi und Shinken, sowie die Techniken des Jonage. Die Fortgeschrittenen konnten ihr Verständnis und ihre Bewegungen verfeinern, für die Kyugrade waren es interessante Übungen und erste Schritte in der Interaktion mit dem Übungspartner via Schwert. Zum Abschluss des Trainings nahm der Doshu dann Danprüfungen ab. Yvette Voumard aus Balerna legte erfolgreich ihre Prüfung zum 4. DAN ab, ebenso Giuseppe de Matteo aus Italien.

Die Prüfung zum 4. Dan ist die letzte technische Prüfung im Ki Aikido der Ki no Kenkyukai International und bedeutet, dass jetzt alle Standardtechniken bekannt sind und gut beherrscht werden. Ab diesem Zeitpunkt geht der/die Aikidoka seinen eigenen Weg, in eigener Verantwortung. Als Uke agierten freundlicherweise Moreno Maule aus Novara, Francesco Ingemi, Matteo Grimaldi und Samuele Leonardi aus Vercelli, Corrado Calossi aus Bologna und Govert Erkelens aus Balerna. Nach den Examen sprach der Doshu darüber, wie sich in den Examen auch die verschiedenen Persönlichkeitstypen zeigen. Aikido ist nicht zuletzt eine Kunst, sich auszudrücken. Am Abend speisten viele Teilnehmer gemeinsam im Ul Furmighin in Sagno, wo Anna wieder ein sehr schmackhaftes Abendessen zubereitet hatte. Die auswärtigen Teilnehmer, wie auch der Doshu, übernachten anlässlich der Seminare in Balerna regelmässig im Ul Furmighin.

Geschichte des Aikido

Den Sonntagvormittag nutzte der Doshu, um die Geschichte des Aikido ein wenig zu erklären. Das Ganze begann mit Takeda Sokaku (1859-1943), einem ehemaligen Samurai, der sein Daito-Ryu-Aiki-Jujutsu japanweit an einzelne Schüler unterrichtete. Das waren waffenlose Selbstverteidigungstechniken, die aus den Bewegungen mit dem Schwert abgeleitet sind. Das Grundkonzept sind schneidende Bewegungen und der Gebrauch der Arme wie beim Schwertkampf: beide Hände in einem fixen Abstand zueinander. Ueshiba Morihei (1883-1969), der Gründer des Aikido, war ein Schüler von Takeda und unterrichtete anfangs auch dieses Aiki-Jujutsu. Mit der Zeit entwickelte er seine Lehre immer mehr in die spirituelle Richtung, bis er seine Kunst ab ca. 1941 Aikido nannte. Das technische Konzept waren Dreieck, Kreis und Quadrat. Das Dreieck symbolisiert das kollisionslose Ausweichen, der Kreis bedeutet, den Angreifer kreisförmig zu führen, und das Quadrat versinnbildlicht den kompakten und stabilen Abschluss, bei dem der Angreifer fällt oder am Boden fixiert wird.

Tohei Koichi (1920-2011) war ein herausragender Schüler von Ueshiba und Chefinstruktor der Aikidoorganisation in Tokio. Er entwickelte ein eigenes Lehrsystem, um das Ki im Aikido systematisch zu unterrichten. Dazu benutzte er eine Reihe von Regeln - die berühmten 5 Prinzipien und viele weitere - um Geist und Körper zu koordinieren. Typisch für seine Interpretation der Techniken war das Führen des Angreifers durch Vorgabe der Richtung mithilfe der Finger der führenden Hand, d.h. er benutzte das Konzept von Vektoren. Tohei nutzte auch die Stabilität der gyaku hanmi Stellung. Ueshiba hatte diese noch nicht unterrichtet, da ihm seine starke hanmi Stellung genügte, die er aus der Zeit in Hokkaido kannte, als er Wälder rodete. Desweiteren entdeckte Tohei den Effekt des Wechsels von der äusseren zur inneren Wahrnehmung. Damit lässt sich z.B. ein Angreifer dazu zu bringen, seine Absichten zu ändern. Der Aggressor kann vom Angriff ablassen. Nur durch Änderung der ursprünglichen aggressiven Absichten (möglicherweise auch jener des "Verteidigers") lassen sich Konfliktsituation tatsächlich friedlich beilegen.

Doshu Yoshigasaki (geb. 1950) studierte Ki Akido bei Tohei Sensei. In seinem Unterricht und in seinen Büchern entwickelt er sowohl die Techniken des Aikido als auch die zugrunde liegende Theorie weiter. Die körperliche Stabiliät ergibt sich über Linien und statt der sogenannten Punktmathematik, die für die Materie, Materialien und Maschinen gut geeignet ist, propagiert er die Formenmathematik im Aikido. Diese ist für Lebewesen die passendere. Desweiteren studiert er, wie sich die Fähigkeiten, die man im Aikido entwickelt, für Akte des Selbstschutzes in der Realität verwenden lassen. Denn das Aikido, wie es im Dojo geübt wird, kann nicht eins zu eins auf reale Selbstverteidigungssituationen übertragen werden. Das Recht zur Notwehr erlaubt es nicht, jemanden auf der Strasse zu werfen oder ihn mit einem Fesselgriff festzuhalten. Ausserdem ist die Art der Bedrohungen in der Realität wesentlich vielfältiger und nicht standardisiert wie im Dojo. Auf diese Weise geht die ursprüngliche Idee der Selbstverteidigung des Daito-Ryu-Aiki-Jujutsu von Takeda nicht verloren. Ueshibas Interpretation des Aikido als ein Weg (DO) zur persönlichen Weiterentwicklung - auf körperlichem und geistigem Niveau, sowie auch philosophisch, wird über Aikidotechniken im Dojo praktiziert. Ausserhalb des Dojos ist es möglich, sich in Konfliktsituationen des realen Lebens selbst zu schützen und sich friedlich zu verhalten, aufbauend auf das Aikido, welches auf der Matte geübt wird.