Aikido und Samurai

2020-07-27

Chūshingura

Samurai - eine kritische Betrachtung

Es gilt als feststehende Tatsache, dass die Aikidotechniken von den Samurai stammen. Über die Samurai gibt es viele Legenden und sie werden gerne als Vorbild bemüht.
Der österreichische Japanologe Peter Pantzer (*1942) hat einen erfrischend kritischen Artikel mit dem Titel «BUSHIDO - DER WEG DES KRIEGERS» verfasst. Er wurde veröffentlicht in "Samurai und Bushido – Der Spiegel Japans" im Eigenverlag der Museen der Stadt Wien, 1999. Einige wesentliche Aussagen möchte ich hier wiedergeben und zum Nachdenken anregen. Der Originaltext (in Deutsch) ist unten verlinkt.
Folgen wir also Peter Pantzer:

Bushido

Der Begriff Bushido als Begriff für die Grundsätze wie Pflicht und Treue, Ehre, Tapferkeit usw., die ein Bushi, d.h. ein Samurai, zu befolgen hatte, entstand erst nach dem Zeitalter der Samurai. Es handelt sich also um eine nachträgliche Interpretation und Verklärung der Vergangenheit. Einen schriftlich fixierten Kodex für Sitte und Ehre der Samurai hat es nie gegeben. Das Rittertum, so wie es im Bushido verherrlicht wird, ist in Japan erst entstanden, als es keine Ritter mehr gab.

Das Schwert

Die berühmte Klassifizierung des Schwerts als "die Seele des Samurai" vergleicht Pantzer mit dem bekannten Spruch vom Gewehr als "die Braut des Soldaten". Historisch gesehen waren andere Waffen viel wichtiger. Die Kriege unter den Samurai wurden hauptsächlich mit Pfeil und Bogen, mit der langen Lanze Naginata und schliesslich seit 1543 mit Luntengewehren bestritten. Die beiden von Portugiesen gekauften Gewehre dienten als Vorbild für die japanischen Arkebusenen, die zunächst in Massen hergestellt und schliesslich unter den Tokugawa wieder verboten wurden. Das Schwert wurde in den Samuraikriegen erst im Nahkampf eingesetzt.

Inazo Nitobe: Bushido - Die Seele Japans

Die Vorstellungen über den Geist des Bushido sind wesentlich durch dieses Buch von Nitobe Inazo geprägt, das zuerst 1891 in den USA erschienen ist. Nitobe war mit der westlichen Mentalität vertraut. Er hat hat in Deutschland und Österreich studiert, lebte zeitweise in Amerika, ist zum Christentum übergetreten und war mit einer Amerikanerin verheiratet. Laut Pantzer hat Nitobe aus den ihm bekannten Geisteströmungen alles Mögliche zusammengesucht, was als nachträgliche Begründung für den japanischen Rittergeist dienen konnte.
Der Buddhismus lieferte die geistige Zucht, physische Strenge und Verachtung vor dem Tod. Im Shintoismus finden sich die kindliche Frömmigkeit und die Verehrung von Kaiser und Land. Konfuzius bringt bringt die fünf moralischen Beziehungen und Bindungen: Herr und Knecht, Eltern und Kinder, Gatte und Gattin, ältere und jüngere Geschwister sowie Freund und Freund. Ebenso habe der Philosoph Menius einen demokratischen Einfluss auf die Samurai ausgeübt. Ein Paulusbrief aus dem Neuen Testament liefert dann eine weitere Begründung für die Hingabe und Selbstaufopferung der Krieger.

Tsunetomo Yamamoto: Hagakure

Das Hagakure wurde vom Zen-Mönch Yamamoto Tsunetomo, einem ehemaligen Samurai, verfasst (bis ca. 1716). Pantzer nennt es die Leib- und Magenlektüre aller Bushido-Verehrer. Der Autor träumt vergangenen Tagen nach und beklagt, dass die jungen Ritter von nichts anderem reden als von Geld, Kleidern und Sex.
Die insgesamt 11 Bände des Buches sind ein bunter Strauss von Verhaltensmassregeln für den Bushi: Nachahmenswertes und solches, das zu verabscheuen ist. Mit einem Wort, ein Knigge für den rechten Ritter. Für Pantzer ist der wichtigste Grund für den Bushido die Langeweile der Samurai.

Miyamoto Musashi: Buch der fünf Ringe

Auf der völlig gleichen Linie liegt auch das Buch "Gorin no sho" ("Buch der Fünf Ringe"), ein Hohelied des Schwertfechtens. Der Autor ist als unbesiegbarer Zweikämpfer berühmt. Sein Geburtsjahr 1584 fällt noch in das Goldene Zeitalter des Rittertums, aber als er dieses Werk über seine Schwertkunst der Nachwelt schriftlich hinterliess (1646), war auch für ihn schon der ganze Zauber der alten Heldentage längst vorbei.

Fazit

Zitat aus dem letzten Absatz des Aufsatzes:
"Fest steht, dass ein gewisser Einfluss der Samurai auf die japanische Gesellschaft deswegen nicht zu leugnen ist, weil sie politisch durch Jahrhunderte das Land dominiert hatten. Es ging davon ein natürlicher moralischer Einfluss aus, dem auch die Nichtkrieger, die Bürger und Bauern, sich nicht entziehen konnten.
Die einen - die Bushi - hatten die Zeit (welch beneidenswerte Müßiggänger!), um aus dem Benehmen eine Wissenschaft zu machen und aus dem Teetrinken eine Zeremonie. Die anderen - die städtische Bevölkerung - hatten die wirtschaftliche Potenz und wollten nicht nachstehen.
Dass sich im ganzen Land zum Beispiel eine fürsorglich gepflegte, wirklich bewundernswerte Höflichkeit als schöne Zierde menschlichen Benehmens ausbreitete, wäre nicht die schlechteste Hinterlassenschaft des Bushido gewesen."

Link zum Aufsatz: BUSHIDO - DER WEG DES KRIEGERS

bushi

Aikido

Es gibt genügend positive Aspekte des Aikido.
Einseitig die Samurai mit allen ihren Tugenden und Untugenden als Vorbild zu nehmen ist nicht angebracht.
Die Werte des Aikido erschliessen sich beim Praktizieren.
In diesem Sinne "Viel Freude im Training!"


movies

Neuere Filme über Samurai

Einen differenzierten Blick auf die gesellschaftliche Situation der Samurai bieten einige neuere Filme.
Der Regisseur Yōji Yamada hat in seiner Samurai-Trilogie das Leben von einfachen Samurai gegen Ende des Tokugawa-Shogunats beschrieben:
Tasogare Seibei (2002), Kakushi ken: Oni no tsume (2004) und Bushi no Ichibun (2006).
Neuere Filme zum Thema Samurai sind u.a. Ame Agaru (1999), Mibu gishi den (2002), Kita no zeronen (2005), Oyari haishaku (2013) und Gassoh (2015).


Mibu gishi den - The last sword

Clip aus dem Film 壬生義士伝 Mibu gishi den 2002
Der Film erzählt die Geschichte zweier Shinsengumi Samurai. Die Shinsengumi waren eine Samurai-Schutztruppe in Kyoto (1863-1869), die mit dem Wahlspruch "Makoto 誠" für das Shogunat kämpfte.
Saitō Hajime ist ein herzloser Killer. Yoshimura Kanichiro scheint ein knauseriger Schwertkämpfer zu sein. Er ist überfreundlich zu allen. Ständig ist er hinter dem Geld her, um seine verarmte Familie in der fernen Heimat zu unterstützen.
Die Handlung wird in verschachtelten Rückblenden erzählt, in denen sich Saitō und ein Kinderarzt erinnern. Das Hauptthema ist die Loyalität zu Clan, dem Feudalherrn und der Familie.
Es ist ein Schwerterfilm mit blutrünstigen Szenen aber auch mit Tiefgang im zwischenmenschlichen Bereich.